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Liebes Leid: Die Beziehung zwischen Religion und bürgerlichen Erfahrungen romantischer Liebe im Deutschland des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts

Der Begriff der romantischen Liebe erfuhr im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert einen fundamentalen Wandel. Das sich langsam etablierende Bürgertum reflektierte sowie moralisierte den Liebesbegriff und machte ihn zur Basis und notwendigen Bedingung romantischer Beziehungen. Romantische Liebe wurde als Ideal für Echtheit und Individualität gepriesen und fand Raum in einer neuen bürgerlichen Privatheit. Zugleich führten der säkularisierende Charakter der Aufklärung und dessen Konsequenzen zur Debatte über das Wesen und den gesellschaftlichen Stellenwert von Religion innerhalb der intellektuellen bürgerlichen Schicht.

In Anbetracht der signifikanten Rolle von Liebe in Glaubenstraditionen hinterfragt dieses Dissertationsprojekt die Beziehung zwischen romantischer Liebe und Religion nach ihrem kausalen Verhältnis. Der Fokus liegt dabei auf der Verhandlung von durch Liebe entstandenem Leiden: Wie beeinflusste Religion die bürgerliche Erfahrung von Leid in romantischer Liebe? Welche religiösen Dimensionen hatte Leid in romantischer Liebe und inwiefern wurde das Thema auch zu einem Anliegen religiöser Institutionen und Gemeinschaften? Die Erfahrung vom Leid in romantischer Liebe von Bürger_Innen katholischen, verschieden protestantischen, jüdischen und atheistischen Hintergrunds wird in Bezug auf ihre Interrelation mit Religion untersucht. Religion wird in diesem Zusammenhang als ein Denksystem verstanden, das einem Wandel unterliegt, als moralische Ressource bürgerliche Glaubensgemeinschaften nährt und damit verschiedene Ausdrucksweisen und Muster von emotional geistigem und physischem Management sichtbar werden lässt. Anhand dieser Erscheinungen sollen Kontinuitäten, ihre Unterbrechungen und Unterschiede in Hinsicht auf verschiedene Glaubensrichtungen und deren fortschreitende Entwicklung ausgearbeitet werden. Außerdem soll das moralisierende Potenzial von Religion auch in Bezug zum zeitgenössischen medizinisch-wissenschaftlichen Diskurs sowie zu Literatur und visueller Kunst gesetzt werden, um nachzuvollziehen wie sich diese Wissensquellen gegenseitig anfochten oder auch verstärkten und somit die Erfahrungswelt romantischer Liebe ihrer bürgerlichen Leser- und Autorenschaft veränderten.

Das sich entwickelnde Bürgertum nutzte Tagebücher und Briefe zum Austausch von Gedanken und Gefühlen in einer neuen Dimension. Diese Egodokumente sowie religiöse moralisch-bildende Literatur, z.B. Katechismen, Predigten, visuelle Illustrationen und Handbücher für Pastoren, stellen die Hauptquellen des Projekts dar. Sie geben Aufschluss über die Sprache, Praktiken und Verkörperung der Erfahrung vom Leid in romantischer Liebe und erlauben, die Umsetzung religiöser Doktrinen in bürgerlicher Privatheit herauszuarbeiten. Ziel des Dissertationsprojektes ist somit nicht nur, einen Beitrag zur Gefühlsgeschichte von romantischer Liebe zu leisten, sondern darüber hinaus auch bisherige Debatten der Säkularisierungstheorie kritisch zu hinterfragen.

Kontakt

Betreuerin

Prof. Ute Frevert