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Heilen und Heiligkeit: Religiöse Provokateurinnen im 19. Jahrhundert

Entgegen zeitgenössischen Erzählungen einer zunehmend säkularisierten, rationalen und wissenschaftsdurchdrungenen Epoche erlebte das 19. Jahrhundert einen erneuten Boom an (katholischer) Volksfrömmigkeit, die sich insbesondere in einem auffälligen Anstieg von Marienerscheinungen, dem Phänomen religiös Stigmatisierter und den Berichten von Wunderheilungen zeigte. Die Stigmatisation, das Auftreten der Wundmale Christi, in der christlichen Mystik als körperliches Nachempfinden der Leiden Christi interpretiert, zeigte sich im Laufe des 19. Jahrhundert nahezu ausschließlich bei Frauen. Stigmatisationserzählungen und der Beginn des "Marianischen Zeitalter" mit der Verkündung des Mariendogmas von 1854 sind dabei ein Ausdruck wiederbelebter und neuinterpretierter Frömmigkeitspraktiken im Katholizismus mit europäischer und globaler Reichweite.

Das Dissertationsprojekt nimmt mit einer globalen Perspektive drei Fallstudien in den Blick, die exemplarisch für die Handlungsmöglichkeiten und die Widerständigkeit "religiöser Virtuosen" (Max Weber) stehen: die stigmatisierte Frau Louise Lateau in Belgien (1850-1883), die Nonne Sor Patrocinio in Spanien (1811-1891) und die nach einer Marienerscheinung mit heilenden Kräften ausgestatteten Mexikanerin Teresa Urrea (1873-1906). Wie positionierten sich diese Frauen in einer Gesellschaft, die sich zunehmend als modern verstand? Welche Reaktionen riefen sie hervor, sowohl von Seiten staatlicher Gewalt, als auch von Seite kirchlicher Autoritäten? Das Projekt fokussiert sich auf die Frage, wie die Kirche in Zeiten von zunehmendem Ultramontanismus auf potentielle Konkurrenzautoritäten durch Laien - respektive Frauen - reagierte und wie staatliche Macht gegenüber vermeintlich machtlosen Frauen verteidigt werden musste. Dabei soll insbesondere die Gabe der Wunderheilung als ein Phänomen in den Blick genommen werden, das auf einer körperlichen Ebene die Austragung weltlicher Konflikte verhandelte. In der Analyse von Heilungserfahrungen können spezifische gesellschaftliche Fehlzustände und Krisenempfindungen sichtbar gemacht werden.

Das Dissertationsprojekt kann dabei auf Erkenntnisse der Geschlechter-, Wissens- und Religionsgeschichte zurückgreifen, die für eine globale Perspektive auf (weibliche) Volksfrömmigkeit im 19. Jahrhundert furchtbar gemacht werden sollen.

Mit dem Zugang einer vergleichenden Perspektive können nationale Spezifika der Kulturkämpfe, die um Louise Lateau, Sor Patrocinio und Teresa Urrea geführt wurden, analysiert werden. Gleichzeitig lassen sich die Ähnlichkeiten im Ausdruck dieser Volksfrömmigkeit untersuchen, als dessen Phänomen die Akteurinnen gedeutet wurden.

Kontakt

Betreuerin

Prof. Birgit Aschmann