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Politische Funktionen der Ideologie der Abgelegenheit: Die Vorstellung des Szeklerlands als moralischer Ort kulturellen Widerstands im 20. Jahrhundert

Berge, als abgelegen, urtümlich und rau beschrieben, inspirierten nicht nur die Kunst der Romantik, sondern auch politische Ideologien im fin de siѐcle. Die Karpaten im Szeklerland, eine ungarisch sprechende Enklave in Transsilvanien, war ein Ort des Widerstands der Szekler während des Ungarischen Unabhängigkeitskriegs von 1848 und wurde zum Symbol des heldenhaften Kampfes gegen Tartaren, Österreicher, Rumänen und andere feindlich gesinnte Völker.

Das Projekt untersucht, wie Eliten der Szekler das Symbol der bergigen Landschaft nutzten, um eine Ideologie der Abgelegenheit zu entwickeln, welche gleichzeitig ihren Anspruch auf lokale Autonomie im 20. Jahrhundert unterstützen sollte. Auf einer abstrakteren Ebene wird untersucht, wie ähnliche Vorstellungenauch in anderen Gebirgsregionen moralische und politische Begründungen von Autonomie oder Unabhängigkeit dominierten; mögliche Verbindungen ließen sich z.B. zu den Schottischen Highlands, dem kurdischen Siedlungsgebiet in der Türkei, dem Baskenland, dem Kosovo oder Südtirol ziehen.

Die Ideologie der Abgelegenheit der Szekler entstand im 19. Jahrhundert aus dem Status des Szeklerlandes als Grenzregion des habsburgischen Königreiches Ungarn heraus. Als Ergebnis eines Austausches von Intellektuellen aus Budapest und dem Szeklerland wurden Bauern zu Verkörperungen des alten Geistes des Magyarkriegers stilisiert, der für Freiheit und Schutz ungarischer und lokaler Identität kämpfte. Örtliche Kulturnationalisten übertrugen die abgelegene, reine und raue Natur des Szeklerlandes auf das Volk der Szekler. Autoren portraitierten ihre Figuren z.B. als moralisch stark, ethnisch rein und männlich sowie in geistiger Verbindung mit ihrem Land, das isoliert von pervertiertem Kosmopolitismus und städtischer Moderne konzipiert wurde. Intellektuelle orientalisierten und essentialisierten auf diese Weise ihre eigene Heimatregion.

Diese moralischen Vordenker forderten Einheimische dazu auf, verloren geglaubte Werte wiederzubeleben und das Szeklerlandes von konstruierten Bedrohungsszenarien wie "den Juden", Budapest, Rumänien oder "der Moderne" zu bewahren. Als Antwort auf eine scheinbare Identitätskrise setzten lokale Eliten wirkmächtige Symbole und emotionale Zeremonien wie Begräbnisse ein, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Szekler zu schaffen.  Abgeschiedenheit wurde dabei immer wieder angereichert mit Bildern und weitverbreiteten Vorstellungen von Primitivismus, Rassismus und Faschismus. So passte sich der moralische Diskurs der Szekler immer wieder an sich ändernde Konzepte des gefährlichen "Anderen" für die lokale Identität an: von Großungarn, zu Großrumänien oder auch dem kommunistischen und postkommunistischen rumänischen Staat.

Das Projekt untersucht zwei wichtige Phasen der moralischen Konstruktion des Szeklerlandes: Erstens die Entwicklung der Ideologie der Abgeschiedenheit seit dem späten 19. Jahrhundert und zweitens ihre Heranziehung zur Rechtfertigung der Forderung nach politischer Autonomie im Laufe des 20. Jahrhunderts.

Betreuerin

Prof. Stefanie Schüler-Springorum