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Gemeinschaftskonzeptionen türkisch-nationalistischer Netzwerke im Spätosmanischen Reich

Abgeschlossene Dissertation von Fabian Steininger
(Betreuer: Prof. Sebastian Conrad)

Das Projekt untersucht die Kontingenz und Konkurrenz politischer Gemeinschaftsbildungen in der Türkei in historischer Perspektive. So werden gegenwärtig fast alle politischen Kontroversen anhand des binären Modells einer Auseinandersetzung von politischem Islam und säkular-demokratischem Nationalismus analysiert. Die Konstruktion einer solchen Dichotomie fällt dabei bereits in die Zeit des Spätosmanischen Reichs, als in Reaktion auf die verschärfte Legitimationskrise und den schlussendlichen Zerfall des Imperiums von 1900 bis 1918 unterschiedliche Integrationsideologien  – darunter Islamismus und Nationalismus  –  als politische Projekte entstanden.

Dieses Projekt setzt sich kritisch mit der vermeintlichen Dichotomie von Nationalismus und Islamismus auseinander und stellt dazu die essentielle Unterscheidung zwischen beiden Integrationsideologien in Frage. Stattdessen soll argumentiert werden, dass sie unterschiedliche Modi nationalistischer Gemeinschaftskonzeptionen darstellen, welche auf vielfältige Quellen wie die imperiale Tradition des Reichs, den Islam, Europäische Zivilisationsvorstellungen wie auch zentralasiatisch-türkische Wurzeln zurückgreifen. Hypothese ist, dass "Islamismus" und "Türkischer Nationalismus" konkurrierende moralische Ökonomien darstellen – das heißt normative und psychologische Vorstellungen, welche den unterschiedlichen Gemeinschaftskonzeptionen zu Grunde lagen. Diese moralischen Ökonomien beeinflussten, wie Netzwerke von Intellektuellen (denen eine zentrale Rolle in der sozialen Produktion von Wissen zukommt) Macht und Ressourcenzugang konzeptualisierten und beurteilten, und vor allem, wie sie Grenzziehungen zwischen dem "Selbst" und dem "Anderen" vornahmen.

Indem die Intellektuellennetzwerke im ungleichen globalen Raum des frühen 20. Jahrhunderts situiert werden, kann die vielfältige Aneignung, Übertragung und Transformation globaler intellektueller und materieller Ressourcen durch nationalistische Gruppen in nicht-europäischen Kontexten nachgezeichnet werden. Zugleich werden so die zugeordneten moralischen und normativen Werte nationaler Gemeinschaftsbildungen beleuchtet, auf welche sich politische Bewegungen seit der frühen Republik bis zum heutigen Tag beziehen.