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Grassroots Veterans: Die American Legion und konservativer Wandel in Kalifornien, 1945-2000

Seit dem Beginn der Zwischenkriegszeit ist die American Legion die größte und einflussreichste Veteranenorganisation der USA. 1919 gegründet, entwickelte sich die Legion schnell zu mehr als einem Interessenverband, dessen Aufgabe darin bestand, Kriegsveteranen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu helfen und ihre Anliegen bei der Regierung zu vertreten. Vielmehr versuchte das lokale, regionale und nationale Führungspersonal der Legion im Sinne des Konservatismus Einfluss auf öffentliche Meinung und Gesetzgebung zu nehmen. Mit der Verve des patriotischen Staatsbürgers vertraten und beförderten Legionäre so unterschiedliche politische Anliegen wie eine Begrenzung der Einwanderung, die Regulierung der Unterhaltungsindustrie und die Reform von Schullehrplänen.

Der politische Aktivismus von Legionären war geleitet von der Überzeugung, dass der Einsatz für das Vaterland nicht mit dem Rückzug aus einem Kriegsgebiet enden durfte. Er musste, so die Vorstellung, in der Heimat fortgeführt werden, da diese permanent von umstürzlerischen Kräften bedroht war. Vertreter der Organisation plädierten für Recht und Ordnung, Nationalstolz und den unnachgiebigen Kampf gegen Kommunisten und die Neue Linke. Ihr Aktivismus hatte den Schutz des „traditionellen Amerika“ zum Ziel, das sich in den 1950er und 1960er in den weißen Vorstädten gegen Pazifismus, Kollektivismus und Multikulturalismus organisierte.

„Die Geschichte Kaliforniens“, so schrieb der Schriftsteller Wallace Stegner, „ist die Geschichte der USA in extremis.“ Die politische Polarisierung, die nach und nach große Teile der USA ergriff, war nirgendwo so stark war wie im „Golden State“. Hier genossen sowohl Neue Rechte als auch Neue Linke große Unterstützung und prägten den Bundesstaat durch ihre medial geführten Auseinandersetzungen. Was Legionäre meinten, wenn sie von „Amerikanismus“ sprachen, manifestierte sich oftmals erst in der öffentlichen Ächtung linker politischer Praktiken. Das politische Umfeld Kaliforniens, geprägt von einer langen Geschichte linker Bewegungen, von starken Gewerkschaften, sozialkritischen Filmemachern sowie der Protestkultur von Studierenden, veranlasste die Legion dazu sich pausenlos zu Reizthemen des politischen Geschehens zu positionieren.

Seit den späten 1960er Jahren überzeugten die konservativen Kampagnen der Legion die Bürger Kaliforniens jedoch immer weniger. Aufgrund des nachlassenden Rückhalts in der Bevölkerung und eines dramatischen Mitgliederschwunds begann die American Legion in den 1970er Jahren einen kulturellen Kurswechsel einzuleiten, indem sie ausgewählte Elemente der eigentlich verhassten Jugend- und Protestkultur der 1960er Jahre übernahm, um junge, weibliche und nicht-weiße Mitglieder zu gewinnen. In der Folge schafften es vormals marginalisierte Legionäre – insbesondere Frauen, Schwarze und Latinos – in höhere Ämter gewählt zu werden. Sie konnten sich erstmals eine eigene Machtbasis aufbauen. Im Zuge einer tiefen Krise entdeckte folglich eine konservative Organisation, die historisch zumeist den Status Quo verteidigte, die Notwendigkeit sich an einschneidende gesellschaftliche Veränderungen anzupassen. Während sich in der Gesellschaft zunehmend die liberalen Werte der Bürgerrechtsbewegungen durchsetzen, nahm die konservative Legion diese Veränderungen allerdings nur zögerlich an. Gemessen an der Gesellschaft, blieb der Wandel innerhalb der Legion schwergängig und partiell. Schlussendlich blieb die American Legion eine konservative Organisation. Was man aber gemeinhin unter dem Begriff konservativ verstand, hatte sich grundlegend verändert.

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Betreuer

Prof. Sebastian Conrad