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Schwerpunkt 2: Langfristige Konsequenzen von Ausbildungslosigkeit im jungen Erwachsenenalter

In einer bildungszentrierten und zunehmend gebildeteren Gesellschaft erhält Bildung eine neue Schlüsselfunktion bei der Regulierung von Selektionsprozessen am Arbeitsmarkt. Jene, die keine berufliche Ausbildung vorweisen können, bilden heute eine "normabweichende" Minderheit. Mit dem Verweis auf technologischen Fortschritt und die erhöhte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt infolge der radikalen Verknappung von Arbeit wird ihre heutige Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt über Bildung begründet. Das Teilprojekt untersucht diese vermeintliche Kausalität mit Analysen in zweierlei Hinsicht:

  • hinsichtlich der Arbeitsmarktintegration und
  • hinsichtlich der Lebensbedingungen außerhalb des Arbeitsmarktes.

Arbeitsmarktbedingungen von Personen ohne Berufsausbildung

Hier wird untersucht, unter welchen Bedingungen Ausbildungslosigkeit zu Benachteiligungen am Arbeitsmarkt führt. Haben Personen ohne Ausbildung generell schlechtere Erwerbschancen oder nur unter bestimmten Arbeitsmarktbedingungen? Handelt es sich bei Ausbildungslosigkeit um ein generelles oder historisch definiertes Bildungsdefizit auf dem Arbeitsmarkt? Wird die zunehmende Marginalisierung von Ungelernten durch die Anhebung des Bildungsniveaus der deutschen Bevölkerung oder durch eine veränderte Qualifikationsstruktur der Arbeitsplätze verursacht (Niveau- oder Struktureffekt)? Dazu wird die Arbeitsmarktintegration von Personen ohne Ausbildungsabschluss in der Bundesrepublik Deutschland seit 1950 untersucht. Für unterschiedliche Geburtsjahrgänge werden der Berufseinstieg von Ungelernten, ihre Erwerbsverläufe sowie ihre Möglichkeiten eines späteren Qualifikationserwerbs analysiert.

Die zentralen Thesen lauten:

(1) Gering qualifizierte als "überflüssige"

Ausbildungslosigkeit führt nicht per se zu einer Marginalisierung am Arbeitsmarkt. Die funktionale Irrelevanz oder Überflüssigkeit von Ungelernten definiert sich erst in Relation zum Arbeitsangebot (Qualifikationsstruktur der Erwerbsbevölkerung) und zur Arbeitsnachfrage (Quantität und Qualität der verfügbaren Arbeitsplätze).

(2) Selektionsthese

Die soziale Zusammensetzung der gering qualifizierten Gruppe hat sich mit der Bildungsexpansion verändert. Diese Gruppenveränderung ist eine wesentliche Ursache für ihre, sich im Lauf der Zeit verschlechternden Arbeitsmarktchancen (ausführlicher siehe englische Version).

Empirisch wird u.a. gefragt: Inwiefern haben sich Arbeitsplätze, die früher von Ungelernten ausgeübt wurden, tatsächlich technologisch verändert? Von wem werden in Zeiten erhöhter Arbeitsmarktkonkurrenz niedrigqualifizierte Arbeitsplätze besetzt? Unter welchen Bedingungen  wird aus zeitweiliger Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt ein Dauerphänomen?

Lebensbedingungen von Personen ohne Berufsausbildung außerhalb des Arbeitsmarktes

Analysiert wird, ob und inwieweit erst ihre Benachteiligung am Arbeitsmarkt zu sozialer Ausgrenzung führt. Gespiegelt an den jeweils historisch gegebenen Arbeitsmarktchancen der Ungelernten wird exploriert, inwieweit feststellbare Andersartigkeiten ihrer Lebensführung dem Status "ungelernt" oder erst ihrer Ausgrenzung am Arbeitsmarkt zuzurechnen sind. Es werden die Familienbeziehungen (z.B. ihre Heiratschancen und -muster, die Geburt von Kindern, Scheidungsrisiken u.ä.), die sozialen Netzwerke von Ungelernten sowie ihre Partizipation am gesellschaftlichen Leben (z.B. ihre kulturellen und gesellschaftlichen Aktivitäten sowie ihr Demokratieverständnis) untersucht.

Es gibt zwei konkurrierende Hypothesen:

(1) Ungelernte haben generell andere Muster in diesen Lebensbereichen als Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und zwar auch dann, wenn sie in stabilen Beschäftigungsverhältnissen tätig sind. Sollte sich dies in den Analysen zeigen, dann wären diese Abweichungen generell der Tatsache geschuldet, dass sie "ungelernt" sind. Das heißt noch nicht, dass sie individuell die Schuld dafür tragen, sondern vielmehr, dass es eine generelle Benachteiligung von Ungelernten gemessen an den Lebensoptionen von Qualifizierten gibt.

(2) Wir finden derartige Abweichungen nur dann vor, wenn Ungelernte von massiven Ausgrenzungsprozessen am Arbeitsmarkt betroffen sind. Die eigentliche Ursache dieser Benachteiligungen wäre dann nicht per se der Status "ungelernt", sondern erst die Instabilität ihrer Beschäftigungsverhältnissen und die Verfestigung ihres Ausschlusses vom Arbeitsmarkt durch Dauerarbeitslosigkeit.

Projektmitarbeiterin

Heike Solga