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Begrenzte Rationalität

Ein Patient wird mit Brustschmerzen und Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Schnell müssen die Ärzte entscheiden: Intensivstation ja oder nein? Um Ärzte bei dieser Entscheidung zu unterstützen, entwickelten Forscher einen umfangreichen Katalog mit rund 50 Entscheidungsmerkmalen. In einer Formel zusammengefasst konnten die Ärzte mit Hilfe des Taschenrechners ihre Entscheidung treffen. Resultat: Weniger Patienten kamen unnötig auf die Intensivstation. Als man den Ärzten den Taschenrechner wieder wegnahm, wurden ihre Entscheidungen überraschenderweise nicht schlechter. Die Ärzte hatten die Formel weder auswendig gelernt noch verstanden. Stattdessen hatten sie sich die wichtigsten Entscheidungskriterien eingeprägt und alle anderen vergessen. Nun trafen sie mit Hilfe eines einfachen und effizienten Entscheidungsbaums (siehe Abbildung) aus höchstens drei Kriterien gute Entscheidungen.

Entscheidungsbaum Grafik
© MPI für Bildungsforschung

Anmerkung:
Dieser Entscheidungsbaum stellt den wichtigsten Faktor an die Spitze. Bei Veränderungen im ST-Segment (einer Anomalie im EKG) kommt der Patient auf die Intensivstation. Falls keine EKG-Veränderung vorliegt, kommt der zweite Faktor ins Spiel: ob die Hauptbeschwerden des Patienten Brustschmerzen sind. Wenn nicht, kommt der Patient in ein reguläres Krankenbett (das verhindert, dass Intensivstationen überbelegt werden). Wenn Ja, wird noch eine letzte, 5-teilige Frage gestellt. Wenn die Antwort für einen der fünf Faktoren positiv ist, kommt der Patient auf die Intensivstation. Falls keiner der Faktoren zutrifft, kommt der Patient in ein reguläres Krankenbett. Ärzte bevorzugen diesen effizienten Entscheidungsbaum, weil er transparent ist und leicht vermittelt werden kann (nach Gigerenzer, 2008).

Wie Notfallärzte treffen Menschen ständig Entscheidungen, ohne alle Informationen über ihre Situation oder gar die Zukunft zu kennen. Vollständig rationales Verhalten und ein Abwägen aller Möglichkeiten sind unter diesen Umständen nicht möglich und – wie das Beispiel zeigt – oft auch nicht hilfreich. Der begrenzt rationale Mensch nutzt für seine Entscheidungen einfache Faustregeln (Heuristiken) wie den Entscheidungsbaum. Gerade weil diese Heuristiken nur einen Bruchteil aller möglichen Entscheidungskriterien nutzen und irrelevante Informationen ignorieren, können sie in unsicheren Situationen gut funktionieren (weniger-ist-mehr Effekt).

Referenzen

  • Gigerenzer, G., & Brighton, H. J. (2009). Homo heuristicus: Why biased minds make better inferences. Topics in Cognitive Science, 1, 107-143.
     
  • Gigerenzer, G., Hertwig, R. & Pachur, T. (Eds.) (2011). Heuristics: The foundations of adaptive behavior. New York: Oxford University Press.

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