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Individuelle Entscheidungsträger Stärken und Bilden

Laut Thomas Jefferson verlangt Demokratie ein informiertes und gebildetes Volk von Wählern. Eine derzeit sehr einflussreiche Sichtweise, wie kollektives und individuelles Verhalten gesteuert und verändert werden kann, hat allerdings das Ziel aufgegeben, Bürgerinnen und Bürger durch Information und Bildung zu stärken und kompetenter zu machen. Dieser sogenannte „Nudge“-Ansatz geht davon aus, dass Menschen aufgrund von stabilen „Irrationalitäten“ Entscheidungen treffen, die nachteilige Auswirkungen für ihre Gesundheit, Wohlstand und Glück haben. Um diesen negativen Auswirkungen entgegenzuwirken, soll der Bürger zu besseren Entscheidungen „geschubst“ werden. Irrationalitäten im Entscheiden sollen also nicht durch Bildung oder Information überwunden werden, sondern ausgenutzt werden, um die Bürger zu jenem Verhalten zu bewegen, das sich ihr „besseres Ich“ wünschen würde.

Wir untersuchen eine Alternative zu diesem Nudge-Ansatz. Indem wir Heuristiken und kognitive Strategien sowie ihre Wechselwirkungen mit der Welt untersuchen, können wir dem Individuum zum einen helfen, sich selbst zu „schubsen“ (um nicht von anderen, ob nun Politiker oder Marktteilnehmer, geschubst zu werden), zum anderen können wir ihm helfen, auch „Schubser“ anderer zu durchschauen. Beispielsweise können Patienten, die über den Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko informiert wurden, die Vor- und Nachteile von medizinischen Behandlungen oder Tests selbst beurteilen. Ebenso haben Menschen, die das Potenzial von zwei Prinzipien – Meinungsvielfalt und Fehlerausgleich durch Aggregation – für intuitive Vorhersagen verstehen, ein mächtiges Werkzeug an der Hand, um sich die Weisheit der Vielen („wisdom of the crowd“) zunutze zu machen. Diese beiden Beispiele zeigen, dass Menschen befähigt werden können, selbstständig gute Entscheidungen zu treffen. „Schubsen“ ist nicht genug. Wir müssen vielmehr Menschen befähigen, ihre eigenen Kompetenzen zu entwickeln und sich ihre eigene Meinung zu bilden, indem wir Risikokompetenz und Entscheidungskompetenz in Form einfacher und transparenter Regeln fördern. Aus unserer Sicht ist Thomas Jeffersons Meinung über die Bedeutung einer gebildeten und informierten Bevölkerung heute so gültig wie zu seiner Zeit.

Literatur

Gigerenzer, G., Gaissmaier, W., Kurz-Milcke, E., Schwartz, L. M., & Woloshin, S. (2007). Helping doctors and patients to make sense of health statistics. Psychological Science in the Public Interest, 8, 53–96.

Hautz, W. E., Kämmer, J. E., Schauber, S. K., Spies, C. D., & Gaissmaier, W. (2015). Diagnostic performance by medical students working individually or in teams. JAMA, 313, 303‒304.

Herzog, S. M., & Hertwig, R. (2014). Harnessing the wisdom of the inner crowd. Trends in Cognitive Sciences, 18, 504‒506.