Hauptergebnisse der COACTIV-Studie

Welche Aspekte der Lehrerkompetenz lassen sich empirisch identifizieren und welche Beziehungen weisen diese Merkmale untereinander auf?

Ein zentrales Anliegen der COACTIV-Studie ist die Konstruktion eines Tests zur Erfassung des mathematischen Fachwissens und des Fachdidaktischen Wissens. Die empirischen Befunde der Studie zeigen, dass diese Wissensbereiche reliabel erfasst werden können und sich entsprechend der theoretischen Konzeption auch empirisch voneinander unterscheiden lassen.

Die Enge des Zusammenhangs zwischen Fachwissen und Fachdidaktischem Wissen variiert dabei in Abhängigkeit von der Schulform, an der eine Lehrkraft unterrichtet: Bei Gymnasiallehrkräften scheinen die beiden Wissensbereiche stärker vernetzt zu sein als bei Lehrkräften anderer Schulformen, d. h. Gymnasiallehrkräfte mit einer höheren Ausprägung im Fachdidaktischen Wissen erreichen auch höhere Werte im Fachwissenstest. Deutliche Unterschiede zwischen den untersuchten Lehrkräften zeigen sich auch bezüglich des Niveaus ihres Wissens. Gymnasiallehrkräfte erreichen deutlich höhere Werte im Fach- und Fachdidaktischen Wissen als Lehrkräfte der anderen Schulformen. Werden Unterschiede im Fachwissen statistisch kontrolliert, zeigen sich relative Vorteile im Fachdidaktischen Wissen für die Nicht-Gymnasiallehrkräfte. Der jeweilige Wissensstand der Lehrerinnen und Lehrer hängt dabei deutlich mit der Art der Lehramtsausbildung zusammen, nicht jedoch mit der Dauer der Berufserfahrung.

Neben dem Professionswissen werden entsprechend der multidimensionalen Kompetenzkonzeption mittels Selbstbericht auch die Überzeugungen der Lehrkräfte über die Struktur des Wissens und den Wissenserwerb sowie verschiedene Aspekte motivationaler Orientierung und selbstregulativer Fähigkeiten erhoben. Auch diese Aspekte können reliabel erfasst werden. Faktorenanalytisch bestätigt sich die Validität der theoretischen Differenzierung des Kompetenzkonzeptes in den Bereichen Professionswissen, Überzeugungen sowie Motivation und selbstregulative Fähigkeiten. Dabei geht eine höhere Ausprägung des Professionswissens mit stärker konstruktivistischen Lernüberzeugungen einher. Nahezu unkorreliert mit dem Professionswissen sind hingegen die berufsbezogene Motivation der Lehrkräfte und ihre selbstregulativen Fähigkeiten.
 

Welche Kompetenzaspekte beeinflussen das unterrichtliche Handeln?

Wie sieht der Unterricht der PISA Schülerinnen und Schüler aus?

Zur Beschreibung des Mathematikunterrichts der PISA-Schülerinnen und -Schüler stehen drei Quellen der Information zur Verfügung: die Angaben der Schüler, die Selbstberichte der Lehrkräfte und eine umfangreiche Stichprobe von Mathematikaufgaben, welche im Unterricht, als Hausaufgaben und in Klassenarbeiten/Klausuren von den Lehrkräften verwendet wurden. Aus dieser multimethodalen Perspektive sollen insbesondere die kognitive Aktivierung, die Klassenführung und die individuelle Lernunterstützung als Basisdimensionen der Unterrichtsqualität erfasst werden.

Die Ergebnisse bestätigen Befunde früherer Studien, indem sie verdeutlichen, dass ein kognitiv aktivierender und selbstständigkeitsfördernder Unterricht nur selten vorkommt. Dies zeigt sich insbesondere anhand des im Unterricht verwendeten Aufgabenmaterials. Die Aufgabenanalyse ergab eine homogene Aufgabenkultur, die wenig Gelegenheit zur gehaltvollen Auseinandersetzung mit mathematischen Inhalten bietet. Die Unterschiede zwischen den Schulformen sind dabei marginal. Deutliche Differenzen auf den Dimensionen der Unterrichtsqualität ergeben sich jedoch aus Sicht der Schülerinnen und Schüler zwischen Haupt- und Gymnasialschülern. Schülerinnen und Schüler der Hauptschule berichten von einem Unterricht, der durch individuelle Unterstützung und kognitive Herausforderungen bei einem gleichzeitig hohen Ausmaß an Störungen und Disziplinproblemen gekennzeichnet ist. Die Gymnasialschüler hingegen beschreiben einen störungsarmen, wenig fordernden Unterricht, in welchem sie sich von der Lehrkraft wenig individuell unterstützt fühlen. Abgesehen von der Beurteilung des kognitiven Gehalts des Unterrichts stimmen Lehrer- und Schülerurteile in Hinsicht auf das Unterrichtsgeschehen weitgehend überein.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Aspekten der Lehrerkompetenz und der Unterrichtsgestaltung?

Ein weiteres zentrales Ziel der COACTIV-Studie ist es, Unterschiede in der Unterrichtsqualität durch Aspekte der Lehrerkompetenz zu erklären. Gestalten Lehrkräfte mit einem höheren Professionswissen auch einen kognitiv anspruchsvolleren Unterricht als Lehrkräfte mit einem geringeren Umfang an fachlichem und fachdidaktischem Wissen? Und spielen auch die „weicheren“ Kompetenzen wie die Motivation und Selbstregulation der Lehrkräfte eine bedeutsame Rolle im Unterrichtsgeschehen?

Die bisherigen Analysen zeigen, dass Unterschiede in der Unterrichtsqualität systematisch auf spezifische Aspekte der Kompetenz zurückzuführen sind. Das Fachdidaktische Wissen allein sagt das Ausmaß der kognitiven Aktivierung der Schüler im Unterrichtsgeschehen voraus. Je mehr eine Lehrkraft darüber weiß, wie Fachinhalte verfügbar gemacht werden können, desto herausfordernder erleben die Schülerinnen und Schüler den Unterricht. Keine der anderen Facetten hatte einen zusätzlichen Erklärungswert für das Niveau der kognitiven Aktivierung. Auf bivariater Ebene zeigen auch die Überzeugungen der Lehrkräfte einen Zusammenhang zur Ausprägung der kognitiven Aktivierung des Unterrichts, welcher aber bei Berücksichtigung der Wissensfacetten nicht länger statistisch abzusichern ist.

Das Ausmaß der von den Schülerinnen und Schülern erlebten individuellen Lernunterstützung durch die jeweilige Lehrkraft ist hauptsächlich auf einen Selbstregulationsstil zurückzuführen, der durch ein hohes Maß an beruflichem Engagement bei gleichzeitiger Fähigkeit, sich auch von Arbeitsbelangen zu distanzieren und Probleme aktiv zu bewältigen, gekennzeichnet ist. Lehrkräfte, die ein solches Verhaltensmuster zeigen, werden von ihren Schülern als besonders unterstützend im Unterrichtsgeschehen wahrgenommen. Demgegenüber kann die Effektivität der Klassenführung im Sinne eines störungsarmen Ablaufes und einer auf das eigentliche Unterrichtsgeschehen konzentrierte Zeitnutzung durch keine der betrachteten Kompetenzfacetten vorhergesagt werden.

Welche direkten und indirekten Einflüsse hat die Kompetenz einer Lehrkraft auf die Lernerfolge ihrer Schülerinnen und Schüler?

Die Frage nach der Relevanz der untersuchten Unterrichtsdimensionen für die mathematische Leistung der Schülerinnen und Schüler kann in der COACTIV-Studie positiv beantwortet werden. Es findet sich (zumindest teilweise) empirische Unterstützung für die Annahme, dass kognitive Aktivierung, Klassenführung und individuelle Unterstützung einen positiven Effekt auf die Entwicklung der mathematischen Kompetenz auf Schülerseite haben. Längsschnittliche Analysen können zeigen, dass insbesondere das Ausmaß der kognitiven Aktivierung und die Effektivität der Klassenführung prädiktiv für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler sind.

Entsprechend der theoretischen Rahmenkonzeption sollen darüber hinaus die Facetten der Lehrerkompetenz – über das Unterrichtsgeschehen vermittelt – einen Einfluss auf die Leistung, aber auch die motivationale Orientierung der Schülerinnen und Schüler haben. Erste Analysen, die sich bislang auf einzelne Kompetenzfacetten fokussierten, können das theoretische Rahmenmodell mittels empirischer Mediatormodelle bestätigen. So zeigt sich ein Zusammenhang der lerntheoretischen Überzeugungen der Lehrkräfte und dem mathematischen Leistungsniveau am Ende der 10. Klasse. Der so genannte Transmission-View („Am vorgerechneten Beispiel lernen die Schülerinnen und Schüler am Besten“.) war hierbei mit einem niedrigeren Leistungsniveau assoziiert. Erste empirische Hinweise unterstützen dabei einen Mediationseffekt, wobei der Zusammenhang zwischen lerntheoretischen Überzeugungen und der Mathematikleistung über die Unterrichtsgestaltung – und hierbei insbesondere über die kognitive Aktivierung – vermittelt wird.

Auch im Hinblick auf das Professionswissen bestätigen erste empirische Auswertungen den erwarteten Mediationseffekt. Dabei wirkt sich das fachdidaktische Wissen positiv auf das Ausmaß der kognitiven Aktivierung und die individuelle Unterstützung der Schüler im Unterricht aus, jedoch nicht auf die Effizienz der Klassenführung. Hierbei kann das Fachwissen der Lehrkraft als Bedingung für das fachdidaktische Wissen verstanden werden. Die Klassenführung und die kognitive Aktivierung des Unterrichts zeigen wiederum einen Effekt auf die Mathematikleistung in Klasse 10 unter Kontrolle der Leistung in Klasse 9 und zusätzlicher, potenziell konfundierender Schülermerkmale.