Schneller altern

Ungleichheit beschleunigt die biologische Uhr des Körpers

Soziale Benachteiligung in der frühen Kindheit kann langfristige Auswirkungen auf den Körper haben. Eine von Yayouk Willems geleitete Studie zeigt, dass Ungleichheit Einfluss darauf hat, wie schnell wir altern. 

Menschen, die unter unterschiedlichen sozialen Bedingungen aufwachsen und leben, haben nicht nur ungleiche Chancen im Leben – sie altern möglicherweise auch mit unterschiedlicher biologischer Geschwindigkeit. Das zeigt eine neue internationale Metaanalyse von 140 Studien aus 23 Ländern: Soziale Ungleichheit steht durchgehend in Zusammenhang mit beschleunigtem biologischem Altern, gemessen am Epigenom. 

Zu verstehen, wie und warum diese Unterschiede über die Lebensspanne hinweg entstehen, ist eine zentrale Frage für die Psychologin Yayouk Willems. Sie untersucht, weshalb sich die Verläufe der (psychischen) Gesundheit von Menschen im Laufe ihres Lebens so stark unterscheiden können. Dieses Interesse führte sie zunächst zu einer Promotion am Netherlands Twin Register in Amsterdam, wo sie anhand von Zwillingsstudien das Zusammenspiel von Genen und Umwelt erforschte. Anschließend wechselte sie als Postdoktorandin in die von Laurel Raffington geleitete Biosocial Research Group am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Dort untersucht Willems, wie soziale Lebensbedingungen unser Epigenom beeinflussen – und damit langfristig Gesundheit und Wohlbefinden prägen. Auf dieser Forschung baut eine neue, von ihr geleitete Studie auf, die in Nature Human Behaviour erschienen ist. Ihr zentrales Ergebnis: Soziale Ungleichheit geht mit einem schnelleren biologischen Alterungsprozess einher.

Epigenetische Uhren als Messinstrument

Wie lässt sich messen, ob soziale Ungleichheit biologisch wirksam wird? In den letzten Jahren sind dafür neue Biomarker entwickelt worden: sogenannte „epigenetische Uhren“. Diese Marker schätzen das biologische Alter eines Menschen auf Grundlage seines Epigenoms. Forschende untersuchen das Epigenom mithilfe der DNA-Methylierung – dabei handelt es sich um kleine chemische Markierungen auf der DNA, die beeinflussen, ob Gene an- oder abgeschaltet werden, ohne die genetische Sequenz selbst zu verändern. Diese Muster verändern sich im Laufe des Lebens auf vorhersehbare Weise.

Epigenetische Uhren fassen zahlreiche dieser Signale zusammen, um ein biologisches Alter zu berechnen, das vom tatsächlichen Kalenderalter abweichen kann. So können beispielsweise zwei Menschen im selben Jahr geboren sein und dennoch unterschiedlich schnell altern. Dieser Unterschied ist nicht immer sichtbar. Er vollzieht sich auf der Ebene von Zellen und Molekülen – im Epigenom – und wird unter anderem durch die Bedingungen des Alltagslebens geprägt. Zunehmend zeigen Studien, dass Ungleichheit Spuren im Körper selbst hinterlassen kann und beeinflusst, wie schnell er im Laufe der Zeit altert.

Seit der Entwicklung der ersten epigenetischen Uhr vor mehr als einem Jahrzehnt sind zahlreiche weitere Modelle entstanden, die auf unterschiedlichen methodischen Ansätzen beruhen. Die frühen Modelle – auch als epigenetische Uhren der ersten Generation bezeichnet – sollten vor allem das chronologische Alter möglichst präzise vorhersagen. Das war ein wichtiger Durchbruch, ihre Aussagekraft für gesundheitliche Folgen blieb jedoch begrenzt. Uhren der zweiten Generation wurden darauf trainiert, Sterblichkeitsrisiken und gesundheitliche Entwicklungen besser abzubilden. Die jüngsten Modelle, sogenannte Uhren der dritten Generation, messen dagegen das Tempo des Alterns – also wie schnell sich der Körper über verschiedene Organsysteme hinweg verändert.

Ungleichheit im Körper sichtbar machen

Eine umfangreiche Metaanalyse am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung untersucht, welche epigenetischen Uhren besonders sensibel auf soziale Ungleichheit reagieren. Durchgeführt wurde die Studie in der von Laurel Raffington geleiteten Max-Planck-Forschungsgruppe Biosozial, mit Yayouk Willems und Ada Rezaki als gleichberechtigten Erstautorinnen, in Zusammenarbeit mit Dan Belsky von der Columbia University.

Die Analyse bündelt Ergebnisse aus 140 Einzelstudien mit insgesamt fast 66.000 Teilnehmenden aus 23 Ländern. Eine Metaanalyse führt die Ergebnisse vieler unterschiedlicher Studien auf systematische Weise zusammen und ermöglicht so eine Art Vogelperspektive, aus der sich robuste Muster über zahlreiche Datensätze hinweg erkennen lassen.

Die Befunde zeigen, dass Menschen, die aufgrund ihres Bildungsniveaus und/oder Einkommens sozioökonomisch benachteiligt sind, im Vergleich zu ihren besser gestellten Altersgenossen eine beschleunigte biologische Alterung aufweisen. Dieser Zusammenhang erweist sich über Länder und Altersgruppen hinweg als bemerkenswert stabil. Besonders deutlich fällt er bei Uhren der dritten Generation aus, gefolgt von Modellen der zweiten Generation. Die frühen epigenetischen Uhren reagieren deutlich weniger empfindlich auf soziale Unterschiede.

Die Spuren beginnen früh

Besonders auffällig ist, wie früh diese Effekte sichtbar werden: Bereits Kinder, die sozioökonomischer Benachteiligung ausgesetzt sind, zeigen Anzeichen eines beschleunigten Alterns. Epigenetische Messungen könnten damit eine Art „molekulare Brücke“ zwischen Erfahrungen in der Kindheit und gesundheitlichen Folgen Jahrzehnte später sichtbar machen. Erfahrungen wie finanzielle Unsicherheit, eingeschränkter Zugang zu Bildung oder schlechte Wohnverhältnisse können sich langfristig im Körper verankern – noch bevor Krankheiten sichtbar werden. Allerdings wurden viele epigenetische Uhren ursprünglich für Erwachsene entwickelt, weshalb ihre Aussagekraft bei Kindern weiterhin untersucht wird.

Wenn Diskriminierung biologisch wirksam wird

Es ist nicht nur ökonomische Benachteiligung, die Spuren hinterlässt. Auch rassistische Diskriminierung hat messbare Auswirkungen auf das biologische Altern. Für diesen Teil der Analyse stützt sich die Studie ausschließlich auf Daten aus den Vereinigten Staaten. Schwarze Amerikaner*innen zeigen im Vergleich zu weißen Amerikaner*innen deutlichere Anzeichen beschleunigten biologischen Alterns. Menschen mit hispanischer Herkunft weisen ähnliche, wenn auch etwas schwächere Effekte auf.

Diese Messungen spiegeln auf molekularer Ebene wider, was auf gesellschaftlicher Ebene längst bekannt ist: Wer rassistische Diskriminierung erfährt, zeigt mit höherer Wahrscheinlichkeit biologische Signale, die auf ungünstige Gesundheitsverläufe hinweisen. Da alle relevanten Daten aus den USA stammen, fordern die Forschenden ausdrücklich mehr international vergleichende Studien.

Von der Beobachtung zur Veränderung 

Trotz der Aussagekraft dieser Befunde liefert die Metaanalyse keine eindeutigen Ursache‑Wirkungs‑Beziehungen. Um über bloße Zusammenhänge hinauszugehen, sind gezielte Experimente notwendig, die Menschen über längere Zeiträume hinweg begleiten. Einige solcher Untersuchungen laufen bereits: Forschende – darunter auch Mitglieder der Max-Planck-Forschunsgruppe Biosozial – analysieren Daten aus einer randomisierten kontrollierten Studie in den Vereinigten Staaten, in der Familien mit niedrigem Einkommen bedingungslose Geldtransfers erhielten. Ziel ist es herauszufinden, ob solche Maßnahmen das Epigenom verändern.

Dennoch zeigt die Metaanalyse, dass soziale Lebensbedingungen konsistent mit Unterschieden im biologischen Altern zusammenhängen und darauf hindeuten, dass sie sich im Laufe der Zeit biologisch verankern können. Epigenetische Uhren eröffnen damit eine neue Perspektive auf die langfristigen Folgen sozialer Ungleichheit.

Originalpublikation

Willems, Y. E., Rezaki, A. D., Aikins, M., Bahl, A., Wu, Q., Belsky, D. W., & Raffington, L. (2026). Social determinants of health and epigenetic clocks: a systematic review and meta-analysis of 140 studies. Nature Human Behaviour. Advance online publication. https://doi.org/10.1038/s41562-026-02477-6

[These authors contributed equally: Willems, Y.E., Rezaki, A.D.]

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