Analyse vorhandener Datensätze

Mehr und mehr Evidenz deutet darauf hin, dass unsere Umwelt mit verschiedenen Aspekten unseres Verhaltens und unserer psychischen Gesundheit in Verbindung steht. Um unser Verständnis dieser Zusammenhänge zu erweitern, sind große Datensätze erforderlich, die sowohl wissenschaftlich als auch finanziell aufwendig zu erheben sind. Als Reaktion darauf haben die Neurowissenschaften die gemeinsame Nutzung von Daten als effizientes Mittel zur Maximierung des wissenschaftlichen Ertrags einzelner Studien vorangebracht. Im Forschungsbereich Umweltneurowissenschaften (CEN) nutzen wir mehrere große, frei zugängliche Datensätze, um zu untersuchen, wie Umweltfaktoren mit Gehirnstruktur, Verhalten, und psychischer Gesundheit zusammenhängen.

  1. IMAGEN: Das IMAGEN-Projekt (https://www.imagen-project.org/) umfasst Neuroimaging, genetische, umweltbezogene, und psychiatrische Daten von 2000 Jugendlichen. Aufgrund seines Längsschnittscharakters ist der IMAGEN-Datensatz ideal, um umweltbedingte und individuelle Veränderungen während der Adoleszenz zu erfassen, einer kritischen Entwicklungsphase mit zahlreichen Meilensteinen auf sozialer und neuronaler Ebene. Aufbauend auf der zunehmenden Evidenz für Zusammenhänge zwischen Gehirn und Umwelt in der Kindheit und Präadoleszenz, wollen wir diese Beziehungen von der Adoleszenz bis ins frühe Erwachsenenalter verfolgen und feststellen, ob Umweltaspekte die Entwicklungsergebnisse des Gehirns beeinflussen, z.B. in Bezug auf das Gehirnvolumen und die Konnektivität des Gehirns. Unser Ziel ist es, Makroumweltmerkmale auf der Ebene von Stadtvierteln oder darüber hinaus (z.B. Dichte der städtischen Struktur, Grünflächen) zu identifizieren, die eine Rolle bei der Gehirnentwicklung spielen, und diese Zusammenhänge besser zu verstehen.

  1. UK Biobank: Die UK Biobank (https://www.ukbiobank.ac.uk/) ist eine der größten biomedizinischen Datenbanken der Welt. Sie enthält genetische, biologische, Lebensstil- und Gesundheitsinformationen von mehr als 500.000 mittleren und älteren Erwachsenen. Sie enthält Neuroimaging-Daten von etwa 100.000 Teilnehmern, was eine einzigartige Möglichkeit bietet, die Zusammenhänge zwischen Umwelteinflüssen und Gehirnstruktur im späteren Leben zu untersuchen.
    In CEN nutzen wir diesen Datensatz, um zu erforschen, wie die physische Umwelt mit der Gesundheit des Gehirns und dem psychischen Wohlbefinden zusammenhängt. Zum Beispiel untersuchen wir die Zusammenhänge zwischen städtischen Umgebungen und der Häufigkeit psychotischer Erfahrungen, da es Hinweise darauf gibt, dass Menschen, die in städtischen Gebieten leben, ein bis zu doppelt so hohem Risiko haben, psychotische Störungen zu entwickeln (Vassos et al., 2012). Diese Erkenntnisse sind entscheidend für die Ermittlung umweltbedingter Risikofaktoren und die Förderung einer Stadtplanung, die die psychische Gesundheit unterstützt.

  2. Weitere verfügbare Datensätze sind: 1) Die Nationale Kohortenstudie Deutschland (NAKO; https://nako.de/en/study/), die größte Langzeit-Bevölkerungsstudie in Deutschland. Sie enthält Lebensstil-, Umwelt-, und genetische Daten von etwa 200.000 Teilnehmern im Alter zwischen 20 und 69 Jahren. 2) Die Berliner Altersstudie II (BASE-II; https://www.base2.mpg.de/en) ist eine Erweiterung der Berliner Altersstudie (BASE), welche zwischen 1990 und 1993 durchgeführt wurde. Sie enthält medizinische, verhaltensbezogene, psychologische, und genetische Längsschnittdaten von 2200 Einwohnern der Stadt Berlin im Alter zwischen 70 und 100+. 3) Die Lothian Birth Cohort 1936 (LBC1936; https://lothian-birth-cohorts.ed.ac.uk/) enthält psychologische, soziologische und medizinische Daten (einschließlich MRT) aus fünf Erhebungswellen. Die Stichprobengröße variiert beträchtlich zwischen den Messwellen, mit etwa 1000 Teilnehmenden in Welle 1 (Durchschnittsalter = 70) und 500 Teilnehmenden in Welle 5 (Durchschnittsalter = 79).

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