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| "Ostdeutsche Lebensverläufe
im Transformationsprozess" 1989-1999 |
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Solga,
Heike |
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Offensichtlich ist der rasche und tiefgreifende Umbruch in Ostdeutschland nach der Wende nicht ohne Blessuren abgegangen. Die Lebensverhältnisse in Ost und West haben sich bisher nur teilweise angeglichen. Unbestreitbar sind jedoch erhebliche Fortschritte im Vergleich zur Situation vor der Wende zu verzeichnen, sodass sich kaum jemand wirklich die untergegangene DDR zurückwünscht. Dennoch wird auch heute noch heftig darüber gestritten, ob es die in Ostdeutschland beobachtbaren Entwicklungen rechtfertigen, von einem insgesamt gelungenen "Aufbau Ost" zu sprechen, oder ob sich die unbestreitbaren Probleme zu einem dauerhaften Misserfolg verdichten. Insbesondere dann, wenn in der Einschätzung der bisherigen Entwicklungen Skepsis überwiegt, stellt sich zusätzlich die Frage nach den Ursachen: Liegt es an den Erblasten der untergegangenen DDR, oder haben die aus Westdeutschland importierten Institutionen versagt? Diese Streitfragen sind keineswegs rein akademisch. Im politischen Raum manifestieren sich die unterschiedlichen Einschätzungen - und die damit verbundenen Schuldzuweisungen - bezüglich der Umgestaltung der ostdeutschen Lebensverhältnisse unter anderem in einer dauerhaften Etablierung der PDS als regionaler ostdeutscher Protestpartei, während in den anderen Parteien zunehmend über den Sinn diskutiert wird, jedes Jahr wieder mehr als 100 Milliarden in den Aufbau Ost zu investieren. Turbulenzen des Umbaus Dabei war die Zeit zwischen 1990 bis Mitte 1992 turbulenter und zugleich chancenreicher als die Jahre danach. Firmen- und innerbetriebliche Wechsel sowie Auf- und Abstiege fanden hauptsächlich in dieser ersten Periode statt, die in der deutschen Transformationsforschung deshalb als das "Zeitfenster" beruflicher Neuorientierung bezeichnet wird. Danach war hingegen nur die Abdrängung in Arbeitslosigkeit wahrscheinlicher. Allerdings gab es auch Prozesse, die während der gesamten Dauer der bisherigen Transformation des ostdeutschen Beschäftigungssystems in gleichem Maße aufzufinden sind. Dazu gehören Berufs- und Branchenwechsel sowie Wiedereinstiege in Beschäftigung nach Arbeitslosigkeit. Diese Bewegungen scheinen damit weniger durch die betriebliche Umstrukturierung in Ostdeutschland (die mit der Privatisierung von Treuhandbetrieben zu einem Großteil zwischen 1990 und Mitte 1992 stattgefunden hat) geprägt zu sein als die oben genannten Mobilitätsprozesse. Vielmehr scheinen sie notwendige Begleiterscheinungen eines Arbeitsmarktes zu sein, der durch ein anhaltend hohes Niveau an Arbeitslosigkeit gekennzeichnet ist. Trotz all dieser Turbulenzen blieb jedoch immerhin die Hälfte der 1996 Beschäftigten in ihrem angestammten Beruf. Dies gelang vor allem den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes. Diese Personen hatten damit zweifellos einen relativen Erfolg zu verzeichnen. Wenn jemand nach 1989 den Beruf wechselte, war dies nämlich zum Großteil mit Abstiegen verbunden. Andererseits ist der Wechsel des Unternehmens, des Berufs oder sogar die Hinnahme eines Abstiegs besser als das "Aus". Zu langes Warten war zudem riskant: Eine berufliche Neuorientierung in den ersten beiden Jahren nach der Maueröffnung erschien günstiger, weil es während der Startphase sicherlich zahlreichere Bewerbungsmöglichkeiten gab als zu einem späteren Zeitpunkt, wenn vielleicht der Umbau der ostdeutschen Wirtschaft stagniert haben würde. Insofern verwundert es nicht, dass Personen, die zwischen 1990 und Mitte 1992 einen direkten Betriebswechsel bewerkstelligen konnten, eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit einer Arbeitslosigkeitsphase sowie eines Abstieges nach Mitte 1992 hatten, als jene, die sich nicht bewegt haben. Anders sieht das Bild jedoch bei den Auf- und Abstiegen in der ersten Periode selbst aus. Hier waren die Karten weniger eindeutig gemischt. Jene, die im Zeitfenster einen Aufstieg realisieren konnten, erlebten in der Zeit nach Mitte 1992 häufiger auch Abstiege. Jene, die im Zeitfenster einen Abstieg verarbeiten mussten, hatten hingegen in der Zeit nach Mitte 1992 durch eine höhere Aufstiegswahrscheinlichkeit auch die Chance, den Statusverlust wieder zu "revidieren". Eindeutig waren hingegen die Verhältnisse f'ür Personen, die bereits im Zeitraum der erhöhten Umstrukturierung arbeitslos geworden waren. Von denen, die bereits bis Mitte 1992 arbeitslos geworden waren, konnten zwar 40 Prozent bereits bis Mitte 1992 und nochmals 40 Prozent nach Mitte 1992 Wiedereinstiege realisieren. Dabei handelte es sich jedoch, wie das erhöhte Risiko einer erneuten Arbeitslosigkeitsphase nach 1992 zeigt, oft nur um eine temporäre und nicht um eine stetige Rückkehr in Beschäftigung. Andererseits belegen unsere Analysen: Die Vermeidung von Arbeitslosigkeit
im Zeitraum zwischen Anfang 1990 und Mitte 1992 bedeutete nicht gleichzeitig,
dass man auch fortan vom Verlust des Arbeitsplatzes verschont werden
würde. Es kam offensichtlich nicht zu einem "schnellen Ausschluss
der Unbrauchbaren". Das zeigt der leichte Anstieg des Arbeitslosigkeitsrisikos
nach Mitte 1992 - nicht zuletzt verursacht durch das Auslaufen der ostdeutschen
Kurzarbeitsregelung. Das anhaltend hohe Niveau der Arbeitslosigkeit
deutet vielmehr darauf hin, dass sich Ostdeutschland nicht nur in einer
kurzen schockartigen Krise, sondern in einer lang anhaltenden strukturellen
Krise befindet. |
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Frauen sind nicht generell die Verliererinnen der Wiedervereinigung. Zwar hatten ostdeutsche Frauen im Vergleich zu Männern bereits in der Zeit bis Mitte 1992 - das heißt in dem Zeitraum der erhöhten Bewegung auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt ein doppelt so hohes Arbeitslosigkeitsrisiko, gekoppelt mit geringeren Wiedereinstiegschancen. Ferner konnten sie in geringerem Maß an den vorhandenen Aufstiegschancen - die ohnehin im Vergleich zu den Abstiegsrisiken eher spärlich waren - partizipieren. Und in der Zeit nach Mitte 1992 nahmen die Arbeitsmarktrisiken von Frauen noch zu. Andererseits hatten sie, wenn sie in Beschäftigung verbleiben konnten, kein höheres Abstiegsrisiko als Männer und konnten häufiger in ihren angestammten Berufen bleiben. Bei letzteren handelt es sich vor allem um Frauen in hochqualifizierten oder semiprofessionellen Berufen im Bildungs-, Gesundheits- und Dienstleistungsbereich (oft im öffentlichen Dienst). Diese weisen vergleichsweise kontinuierliche Erwerbskarrieren auf, sodass es in Ostdeutschland deutlich mehr Partnerschaften als in Westdeutschland gibt, in denen Frauen den Hauptteil des Familieneinkommens verdienen. Die heute über 50-Jährigen, die nicht in den Vorruhestand treten konnten, tragen in der Tat ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko als jüngere Arbeitnehmer. Sie haben vor allem geringere Wiedereinstiegschancen, wenn sie einmal arbeitslos geworden sind. Dabei ist zusätzlich zu bedenken, dass die nur wenige Jahre älteren direkt nach der Wende fast kollektiv in den Vorruhestand geschickt worden waren. Wenn sie allerdings in Beschäftigung verbleiben konnten, dann waren sie in der gesamten Zeit seltener vom berufsstrukturellen Wandel in Ostdeutschland betroffen als Jüngere. Ostdeutsche ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung gehören eindeutig zu den Verlierern der deutschen Wiedervereinigung. Für niedrig qualifizierte Arbeit stehen genügend arbeitslose Facharbeiter auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, die ihre Rückkehr aus Arbeitslosigkeit oft rnit einem Abstieg in unqualifizierte Arbeit bewerkstelligen müssen. Unqualifizierte Ostdeutsche haben damit im Vergleich zu Facharbeitern nicht nur ein doppelt so hohes Risiko, arbeitslos zu werden, sondern zugleich auch nur eine halb so hohe Chance, aus dieser Arbeitslosigkeit in die Erwerbstätigkeit zurückzukehren. Von dieser Abwärtsspirale blieben allerdings, wie bereits angesprochen, auch Ostdeutsche mit einem Facharbeiter- oder Berufsfachschulabschluss, nicht verschont. Sie wurden zum Teil gleichfalls von Mitgliedern der höheren Bildungsgruppen aus Facharbeiterpositionen verdrängt. Ostdeutsche Fachschul- und Hochschulabsolventen haben ein deutlich geringeres Arbeitslosigkeitsrisiko. Doch wenn sie arbeitslos wurden, konnten sie ihre Rückkehr oft nur mit einem Abstieg in mittlere oder sogar untere Berufspositionen erreichen. Wer bis Mitte 1992 ein Hochschulstudium abgeschlossen hatte, erlebte zwar häufiger einen direkten Firmenwechsel, ohne jedoch einen Statusverlust hinnehmen zu müssen. Und bei Fachschulabsolventen waren überwiegend Aufstiege zu verzeichnen. Insofern gehören diese beiden Gruppen zu den Erfolgreichen, da ihnen öfter eine Neuorientierung auf dem Arbeitsmarkt ohne Arbeitslosigkeit und mit der erhöhten Chance des Wechsels in einen überlebensfähigen Betrieb gelang. Die Befunde signalisieren insgesamt, dass Ausbildungsabschlüsse,
die in der Regel noch zu DDR-Zeiten erworben wurden, eine entscheidende
Rolle für die Risiken und Chancen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt
gespielt haben. Je höher also die Qualifikation, desto eher der
Verbleib in Beschäftigung, und desto häufiger der Wiedereinstieg
aus der Arbeitslosigkeit, wenn auch oft erkauft mit zeitweiligen beruflichen
Abstiegen. |
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| Die Frage nach der politischen Vergangenheit Bleibt zu fragen, ob andere "DDR-Erfahrungen" gleichfalls gewinnbringend unter den neuen Bedingungen eingesetzt werden konnten. Eines der wohl am meisten diskutierten Themen ist die Frage der Auswirkungen der "politischen Vergangenheit" auf das Berufsschicksal nach der Wende. Für die drei hier untersuchten Geburtsjahrgänge lässt sich keine eindeutige Diskriminierung ehemaliger Parteimitglieder sowie höherer Funktionäre feststellen. Sie hatten kein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko und auch keine geringeren Wiedereinstiegschancen. Im Gegenteil, verglichen mit den "politisch sauberen" Nicht-Mitgliedern hatten SED-Funktionäre in der Zeit bis Mitte 1992 sogar höhere Aufstiegschancen. Dafür mögen Insiderwissen und ihre besonderen Netzwerkressourcen eine Erklärung bieten. Funktionäre, die arbeitslos wurden, konnten häufiger als Nicht-SED-Mitglieder und Nicht-Funktionäre - wenn auch verbunden mit beruflichen Abstiegen und dem Wechsel ihres Berufs - in Beschäftigung zurückkehren. Seit Mitte 1992 scheint die politische Vergangenheit im Sinne von ehemaliger Parteizugehörigkeit ihren Einfluss verloren zu haben. Hier ist jedoch zu bedenken, dass die ehemaligen Nomenklaturkader der SED und ihrer verbündeten Organisationen (wie FDGB) infolge ihrer Überalterung größtenteils über den Vorruhestand störungsfrei aus ihren Positionen entfernt werden konnten. Doch wie sieht es mit anderen Parametern für Leistungsfähigkeit aus? Man sollte vermuten, dass Personen, die schon zu DDR-Zeiten mobil gewesen sind, heute zu den Erfolgreichen gehören. Sie sollten besser auf die Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen des neuen Arbeitsmarktes vorbereitet gewesen sein als beruflich und betrieblich Immobile. Diese Vermutung lässt sich jedoch nur sehr eingeschränkt bestätigen. Zunächst ist festzuhalten, dass Wechsel zwischen Betrieben sowie Berufen zugleich eine geringere Firmen- bzw. Berufsbindung mit sich bringen. Diese Tatsache wurde auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt nach der Wende eindeutig nicht belohnt. Personen, die vor 1989 wechselten, hatten ein deutlich höheres Risiko, arbeitslos zu werden, und keine signifikant höheren Chancen eines Wiedereinstieges. Sie tragen auch heute noch ein erhöhtes Berufswechsel- sowie Abstiegsrisiko. Anders verhält es sich mit denjenigen, deren Stellensuche zu DDR-Zeiten vor allem durch Eigeninitiative gekennzeichnet war. Sie hatten im Vergleich zu Ostdeutschen, die ihre Stellen eher über die üblichen offiziellen Vermittlungsinstanzen erhalten hatten -- vor allem in der Zeit bis Mitte 1992 ein deutlich geringeres Arbeitslosigkeits-, Abstiegs- und Berufswechselrisiko. Das heißt, sie hatten vor 1989 durch ihre Eigeninitiative relativ gute Berufspositionen gefunden, die ihnen zunächst einen Vorteil in Bezug auf den Verbleib auf ihrem Arbeitsplatz brachten. Anders als zu vermuten war, rekrutierten sich aus dieser Gruppe aber nicht die Aufsteiger, die aktiven Betriebswechsler und neuen Selbststständigen der Zeit nach 1989. Die Frage nach der Entwertung oder Aufwertung von DDR-Erfahrungen ist
damit nicht eindeutig zu beantworten. In der ersten Periode bis Mitte
1992 finden wir zum Teil schon einen "gewinnbringenden" Einsatz dieser
Erfahrungen, für die Zeit ab Mitte 1992 scheint die Verwertbarkeit
jedoch erloschen zu sein. Es ist jedoch analytisch nicht zu entscheiden,
ob dieses Erlöschen dem Umbau und damit den neuen Bedingungen geschuldet
ist oder ob es sich um einen normalen Abschwächungsprozess handelt.
Das bedeutet, die DDR-Erfahrungen könnten auch deshalb wirkungsloser
werden, weil sie mittlerweile etliche Jahre zurückliegen und durch
neue Erfahrungen seit 1990 überlagert wurden. |
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Trotz der unterschiedlichen Ausgangs- und Prozessbedingungen stechen zunächst einige Gemeinsamkeiten der Arbeitsmarktsituation beider Länder ins Auge. Im Vergleich zu Westdeutschland zeichnen sich diese Transformationsregionen sowohl durch eine höhere Arbeitslosigkeit als auch durch ein höheres Maß an beruflichen Abstiegen aus, während berufliche Aufstiege nicht signifikant häufiger zu beobachten sind. Mit anderen Worten: Bisherige Investitionen in die berufliche Karriere wurden für viele entwertet und mündeten teilweise in Sackgassen, ohne dass gleichwertige Umstiegsmöglichkeiten innerhalb des Beschäftigungssystems entstanden wären. Zwar zeichneten sich beide Länder durch ein stark erhöhtes Maß an Betriebs- und Berufswechseln aus, doch auf Grund dieser Entwertungen waren diese meist mit beruflichen Abstiegen verbunden. Die anfängliche Prognose, ein dynamisch wachsender Mittelstand würde zum maßgeblichen Gestalter der sprichwörtlichen "blühenden Landschaften" werden, lässt sich in beiden Ländern bisher nicht bestätigen. Zwar hat sich der Anteil der Selbstständigen an den Erwerbstätigen in Ostdeutschland seit 1989 verdoppelt, und in Polen hat sich eine wachsende und in der Zusammensetzung stabile Selbstständigengruppe etabliert, die interne Zusammensetzung der postsozialistischen Selbstständigen- es handelt sich überwiegend um kleine Unternehmer mit schlechter Kapitalausstattung- und ihre oft prekäre Einkommenssituation sprechen jedoch dagegen, sie als "Gewinner" des Wandels zu bezeichnen. Ausschlaggehend hierfür dürften die schwierigen Startbedingungen angesichts der multinationalen wirtschaftlichen Verflechtungen und die hohen finanziellen und technischen Voraussetzungen in den am ehesten prosperierenden Geschäftszweigen sein. Auffällig beim Vergleich von Polen und Ostdeutschland sind aber auch die erheblichen Unterschiede beim Ausmaß der Arbeitslosigkeit sowie bei fast allen Indikatoren der beruflichen Stabilität und Statuskontinuität. Hier liegt Polen teilweise näher an Westdeutschland als Ostdeutschland! Die Arbeitslosigkeit war in Polen zwar während der ersten fünf Jahre nach der Wende nur unwesentlich geringer als in Ostdeutschland, doch seit kurzem sinkt sie, während sie in Ostdeutschland immer noch auf hohem Niveau stagniert. Insbesondere im Zusammenhang mit der massenhaften Schließung von Betrieben ist die unfreiwillige betriebliche bzw. berufliche Mobilität irn Osten Deutschlands erheblich höher gewesen als in Polen. Die Ostdeutschen mussten deshalb eineinhalbmal so viele berufliche Abstiege verkraften. Am härtesten traf es die ehemaligen Inhaber mittlerer und höherer Leitungspositionen, die im konsensorientierten polnischen Gesellschaftsumbau sehr viel häufiger berufliche Kontinuität erreichen konnten als ihre Kollegen in Ostdeutschland. Auf der Ebene von beruflichen Werdegängen erweist sich damit der ostdeutsche "Wendepfad" als vergleichsweise hart gepflasterter Weg. Betrachtet man jedoch anstelle der beruflichen Werdegänge die Entwicklung der Einkommen aus Erwerbstätigkeit und aus anderen Quellen, sieht der Vergleich ganz anders aus. Hier zeigt sich, dass in Ostdeutschland fast ausschließlich beträchtliche reale Einkommensgewinne, verglichen mit der Situation im Jahr 1989, zu verzeichnen sind. Dies gilt sowohl für die individuellen Erwerbseinkommen als auch für die Haushaltseinkommen. ln Polen hingegen gab es zunächst massive reale Einkommenseinbußen. Erst langsam beginnen die Realeinkommen das Vorwendeniveau zu übersteigen. Der Gesellschaftswandel unterscheidet sich in beiden Fällen also fundamental darin, wie man das Problem aus notwendigen Strukturveränderungen und damit verbundenen Belastungen zu lösen versuchte. In Ostdeutschland bestand die soziale Härte vor allem aus der Entwertung bisheriger beruflicher Investitionen, die in vielen Fällen ein erhebliches Maß an Statusunsicherheit bis hin zum chancenlosen Ausschluss vom Arbeitsmarkt mit sich brachte. Diese erheblichen Belastungen wurden aber dadurch erträglicher, dass über eine Entkoppelung der Einkommensentwicklung von der wirtschaftlichen Entwicklung, ermöglicht durch riesige finanzielle Transfers von West- nach Ostdeutschland, die materielle Situation der Personen und Haushalte besser als in jedem anderen Transformationsland ist. Die mit den Entwertungen einhergehenden Bedrohungen des Selbstwertgefühls und der ldentität werden dadurch jedoch eher noch verstärkt als aufgefangen. In Polen bestehen dagegen die Schwierigkeiten weniger in beruflichen Verunsicherungen, Statusverlusten und Arbeitslosigkeit, sondern in einem drastischen Einkommensverzicht zu Gunsten von Investitionen sowie einer Vergrößerung der rnateriellen Ungleichheiten. Die Frage ist, wie lange eine solche auf harten materiellen Verzicht ausgelegte Strategie durchzuhalten ist. Bleibt die schwierige Frage, welche der beiden Strategien am Ende wohl die besseren Entwicklungschancen für die Zukunft bietet. Für die polnische Lösung spricht hier vor allem der Abbau der Arbeitslosigkeit und das Ingangsetzen eines sich selbst tragenden Wirtschaftswachstums seit Beginn der 1990er Jahre, das zunehmend auch die privaten Einkommen steigen lässt - wenn auch noch auf bescheidenem Niveau. Das "Tal der Tränen" scheint hier durchschritten zu sein. Für den ostdeutschen Weg spricht, dass die erhöhte Destabilisierung von Berufswegen der Preis für einen - zumindest im Vergleich zu Polen - weitergehenden berufsstrukturellen Wandel in Richtung eines Abbaus der Beschäftigten im primären Sektor und eines Anwachsens des Dienstleistungssektors ist. Wie es scheint, hat aber die ostdeutsche Transformation zu wenig Rücksicht
auf die Notwendigkeit der Motivation und Mobilisierung endogener Ressourcen
für die wirtschaftliche Entwicklung genommen. Abgesehen von der
bekanntermaßen weiterhin hohen oder gar steigenden Arbeitslosigkeit
und abgesehen von der Subventionsbedürftigkeit Ostdeutschlands,
deren Ende nicht abzusehen ist, stimmen insgesamt die Ergebnisse unserer
Untersuchungen nachdenklich. So blieben diejenigen Ostdeutschen, deren
Berufswege sich vor der Wende am ehesten durch Eigeninitiative und eine
an beruflichen Kriterien ausgerichtete Lebensführung ausgezeichnet
hatten, nach der Wende eher auf ihren vergleichsweise sicheren Arbeitsplätzen.
Sie wurden damit nicht für die Selbstständigkeit oder den
Aufbau neuer Betriebe und Branchen mobilisiert. Es verwundert daher
nicht, dass die importierten westdeutschen Institutionen und Instrumente
der Arbeitsmarktpolitik zunehmend in die Diskussion geraten. Offensichtlich
sind sie wenig geeignet, über konjunkturelle Krisen hinausreichend
eine notwendige Dynamisierung der Wirtschaft in Richtung Vollbeschäftigung
und selbsttragendes Wirtschaftswachstum einzuleiten bzw. zu unterstützen.
Doch diese Skepsis gilt nicht nur dem ostdeutschen Umbau des Arbeitsmarktes,
sondern bezieht die ebenfalls keineswegs rosige westdeutsche Situation
mit ein. |
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Im Unterschied zu nur auf Querschnittsdaten beruhenden Untersuchungen erlauben es die hier vorgestellten Analysen, individuelle Lebensgeschichten und die Betroffenheit von verschiedenen Wendeereignissen als zeitlich bis auf einen Monat genau zu lokalisierende Abfolge von Ereignissen und Zuständen zu rekonstruieren. Nur auf diese Weise ist es möglich, den Einfluss früherer Erfahrungen auf spätere sowie Abhängigkeiten zwischen Ereignissen in verschiedenen Lebensbereichen adäquat zu untersuchen. Wird diese Methode mit einem internationalen Vergleich kombiniert - wie hier im Vergleich Ostdeutschlands zu Westdeutschland und Polen- ist es zusätzlich möglich, die Besonderheit der beobachteten Entwicklungen auf jeweils unterschiedliche gesellschaftliche Bedingungen zurückzuführen, wie etwa das Institutionensystem. Wenn sich allerdings zwei Länder in mehr als einem relevanten Punkt voneinander unterscheiden, ist es nicht möglich zu entscheiden, welcher dieser Punkte letztendlich ausschlaggebend ist. Neben Prof. Karl Ulrich Mayer und den beiden Autoren dieses Beitrags, Dr. Martin Diewald und Dr. Heike Solga, sind bzw. waren Anne Goedicke, Britta Matthes, Sylvia Zühlke sowie, als Gastwissenschaftler aus Polen, Bogdan Mach Mitglieder der Projektgruppe. Weitere Ergebnisse aus diesem Projekt, insbesondere zu den DDR-Biographien,
wurden bereits in den Heften Nr. 6/1995, Nr. 1/1996, Nr. 3/1996 sowie
Nr. 5/1996 des MPG-Spiegels vorgestellt. |
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Heike Solga |
This is an electronic archival version of a published
journal article.
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