Beweggründe, Psychologie zu studieren: unterliegen sie einem zeitlichen Wandel und sind sie fachspezifisch?

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Hertwig, Ralph
Stoltze, Andreas

 

Please note:
This paper is an unpublished manuscript.
The copyright of this electronic version remains with the authors and the Max Planck Institute for Human Development.

    Zusammenfassung

Welche Beweggründe waren bei der Wahl Ihres Studienfachs maßgebend? Dies wurden Studienanfänger im Fach Psychologie in den vergangenen 25 Jahren in mehreren Untersuchungen gefragt. Der vorliegende Beitrag untersucht, ob sich die Beweggründe in diesem Zeitraum verändert haben und ob sie sich von den Beweggründen der Studienanfänger im Fach Jura und Biologie unterscheiden.

Abstract

What motives were crucial in choosing your subject? In the past 25 years, students of psychology have been repeatedly asked this question. The present work examines whether the motives have changed in this time period and whether the motives differ from those studying law and biology.

"Das Studienfach Psychologie sieht sich in den letzten zehn Jahren einer unerwarteten Beliebtheit gegenüber. Die Zahl der Hauptfachstudenten zeigt einen explosionsartigen Zuwachs. Die Folgen dieser Beliebtheit sind bekannt: Die Institute sind überfüllt, Zulassungsbeschränkungen sind vielfach unumgänglich gewesen, die Studiensituation wird als unbefriedigend gekennzeichnet" (Fisch, Orlik, & Saterdag, 1970, S. 239). Diese ernüchternde Bestandsaufnahme, die 25 Jahre alt ist, war eine der Motive von Fisch et al. (1970), mehr über die Ursachen der wachsenden Studentenzahlen im Fach Psychologie zu erfahren und nachzufragen, welche Beweggründe der Wahl des Studienfachs Psychologie zugrunde liegen.

Was hat sich geändert in den 25 Jahren, die seit dieser Bestandsaufnahme vergangen sind? Nicht furchtbar viel, und vermutlich wenig zum Besseren. Die psychologischen Institute sind auch heute noch überfüllt, die Zulassungsvoraus-setzungen erscheinen uns selbstverständlich (vgl. die noch ganz anders lautende Stellungnahme des Vorstands der DGfP, 1971) und die Studiensituation wird von Studierenden und Lehrenden als unbefriedigender denn je empfunden. Angesichts dieses Status quo ist die Frage "Warum wird Psychologie studiert?" aktueller denn je, und eine Reihe von Studien an den Universitäten Hamburg (Witte, 1977; Witte & Brasch, 1991; Ottersbach, Grabska & Schwarze, 1990) oder Eichstätt (Hofmann & Stiksrud, 1993) zeugen von dieser Aktualität. Dieses überdauernde Interesse an den Beweggründen zum Psychologiestudium macht es nun möglich, eine Frage zu beantworten, die bislang wenig berührt wurde: Unterliegen diese Beweggründe einem zeitlichen Wandel? Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre haben noch eine Mehrzahl von Studienanfänger im Fach Psychologie einem Beweggrund zugestimmt, der von Fisch et al. (1970) so formuliert wurde: "Mich leitete ein allgemeines Streben nach breiterer Erkenntnis. Von meinem Fachgebiet versprach ich mir ein besseres Verständnis 'was die Welt im innersten zusammenhält'." Seit damals sind die Kehrseiten einer nicht-marktorientierten Studienwahl, zu deren Sinnbild der "taxifahrende" Geisteswissenschaftler wurde, vielfach diskutiert worden und es gab diverse Bemühungen, das Beschäftigungsrisiko zu verringern, in dem die akademische Ausbildung marktorientierter gestaltet wurde, zum Beispiel durch den Ausbau von Fachhochschulen. Daher liegt die Frage nahe, ob die heutigen Beweggründe zum Psychologiestudium einem öffentlichen Meinungsklima folgen, in dem eine praxisbezogene Ausbildung wichtiger erscheint als ein "faustisches" Streben nach Erkenntnis. In der vorliegenden Arbeit sind wir dem zeitlichen Wandel nachgegangen, indem wir die Beweggründe einer Stichprobe von Studienanfängern in Psychologie aus den 90er Jahren mit denen von zwei Stichproben aus den 60er und 70er Jahren (Fisch et al., 1970; Witte, 1977) verglichen haben.

Wenn die Beweggründe tatsächlich dem öffentlichen Meinungsklima folgen, dann sollte dies ein fächerübergreifendes Phänomen sein. Eine Konsequenz daraus wäre, daß die Beweggründe zum Psychologiestudium keineswegs fachspezifisch sind. Die Frage der Fachspezifität wurde bereits vor 25 Jahren diskutiert. Allerdings konnten Fisch et al. (1970) damals lediglich spekulieren, ob etwa ein Drittel Zustimmungen zu der Aussage "Persönliche Schwierigkeiten spielten eine gewisse Rolle" oder zwei Fünftel Zustimmungen zu "Ich war mit den politischen Verhältnissen unzufrieden" spezifische Beweggründe für die Studienwahl Psychologie darstellen. Sie hoben hervor, daß man erst dann von Fachspezifika sprechen kann, wenn Vergleichsdaten von anderen Fachgebieten vorliegen. Wir haben uns um solche Vergleichsdaten bemüht. Wir verglichen die Beweggründe der Studienanfänger in Psychologie mit denen in Jura und Biologie und bemühten uns eine Antwort auf die Frage, ob Beweggründe studienfachspezifisch sind, zu finden. Die Studienanfänger wurden sowohl zu Beginn wie auch am Ende des 1. Semester befragt. So konnten wir schließlich auch der Frage nachgehen, in welchem Ausmaß die Studienanfänger in Psychologie, Jura und Biologie ihre Erwartungen zu diesem Zeitpunkt erfüllt fanden.

Wir führten die Studie an der Universität Salzburg durch. Ähnlich wie das deutsche hat auch das österreichische Hochschulsystem in den letzten Jahrzehnten mit einem enormen Zuwachs der Studentenzahlen zu kämpfen. Waren es 1960 noch 38.533 Studenten, so hat sich diese Zahl 1993/94 mehr als verfünffacht (Österreichische Statistisches Zentralamt, 1994). Die Probleme, die diese Entwicklung mit sich bringt, haben auch in den Medien beider Länder viel Aufmerksamkeit gefunden (z.B. Spiegel Spezial, 1990, 1993; Profil Spezial, 1990; Profil extra, 1993). Trotz dieser Synchronität in der Entwicklung im Hochschulsystem der beiden Länder liegt die Frage nahe, ob Unterschiede in den Beweggründen zur Wahl des Fachs Psychologie weniger auf zeitlichen Wandel als vielmehr darauf zurückzuführen sind, daß die Studentenpopulationen an den Universitäten Münster, Bochum und Düsseldorf (Fisch et al., 1970), Hamburg (Witte, 1977) oder Salzburg sich in anderer Hinsicht als nur dem Zeitpunkt des Studieneintritts unterscheiden. Zum Beispiel unterscheiden sich die Psychologiestudenten in Salzburg von denen in Hamburg (Witte, 1977) dadurch, daß nur letztere eine Zulassungsbeschränkung erfüllen mußten. Andererseits gleichen die Salzburger gerade darin den Münsteraner Studenten (Fisch et al., 1970). Wir wollen die Frage nach der Bedeutung dieser Unterschiede hier offen lassen, aber darauf hinweisen, daß es in Anbetracht dieser und der etwa 25 Jahre, die seit der Studie von Fisch et al. (1970) vergangen sind, überraschte, wären die Motive dieselben geblieben.

Methode

Teilnehmer

Befragt wurden Studienanfänger in den Fächern Psychologie (n = 109), Jura (n = 105) und Biologie (n = 67) an der Universität Salzburg.

Fragebogen

Da wir am zeitlichen Wandel der Beweggründe interessiert waren, erbot es sich, Vergleichbarkeit zu anderen Studien herzustellen. Als Referenzstudien dienten uns die Studien von Fisch et al. (1970) und Witte (1977), die beide den von Fisch et al. (1970) entwickelten Fragebogen verwendeten.[1] Auch wir bezogen uns im wesentlichen auf diesen Fragebogen, obgleich man die einzelnen Items sicher besser formulieren könnte. Unser Fragebogen enthielt u.a. folgende Bestandteile:

(a) Ein kurzer Text auf dem Titelblatt informierte die Studenten über das Ziel der Studie, mehr über die Gründe ihrer Studienwahl zu erfahren, und versicherte vertrauliche Behandlung der Daten.

(b) Die ersten vier Fragen befaßten sich mit demographischen Variablen (Alter und Geschlecht) und dem Werdegang vor dem Studium (Haben Sie sofort nach der Schule oder dem Bundesheer/Zivildienst das Studium aufgenommen? Haben Sie nach der Schule eine Berufsausbildung absolviert?)

Dann wurden die Studenten gefragt, ob sie bereits wissen, in welchem Bereich sie später arbeiten möchten. Bejahten sie diese Frage, standen den Psychologiestudenten folgende Antwortalternativen zur Auswahl: (1) Therapeutischer Bereich (z.B. Klinik, Beratungsstellen, selbständige therapeutische Praxis); (2) Wirtschaft und Industrie (z.B. Personalwesen, Werbung); (3) Forschung und Lehre. Die Biologiestudenten konnten zwischen den Alternativen (2) und (3) auswählen und den Jurastudenten standen die Alternativen (1) Öffentliche Verwaltung; (2) Wirtschaft und Industrie; (3) Anwaltskanzlei zur Auswahl. Alle Studenten konnten in einer Kategorie "Sonstiges" auch Berufsziele angeben, die durch die vorgegebenen Alternativen nicht erfaßt waren.

(c) Anschließend baten wir die Studienanfänger, uns mitzuteilen ob, und wenn ja, welche Bücher (Autoren bzw. Titel) ihres Fachgebietes sie vor Beginn des Studiums gelesen haben.

(d) Der nächste Teil des Fragebogens wurde durch die Frage "Welche der folgenden Gesichtspunkte waren und sind für Ihre Studienwahl maßgebend" eingeleitet. Dann folgten 16 Aussagen, die potentielle Gründe für die Wahl eines Studienfachs thematisierten. Eine Auflistung dieser Aussagen findet sich in Tabelle 1.

   
   


Tabelle 1


Welche der folgenden Gesichtspunkte waren und sind für Ihre Studienwahl maßgebend? Die folgenden Aussagen wurden mit geringfügigen Veränderungen der Tabelle 4 in Fisch et al. (1970) entnommen. Die Schlagworte in Klammern helfen, die Aussagen in den Abbildungen zu identifizieren.
1.

Ausgeprägte persönliche Neigung für das Fachgebiet. (Persönliche Neigung)

2.
Meine späteren Studieninteressen traten bereits in den letzten Schuljahren hervor. (Frühes Interesse)
3.

Ich wollte auf jeden Fall studieren. Die Wahl meines Studienfachs ist von der Absicht bestimmt, möglichst schnell fertig zu werden. (Kurze Studiendauer)

4.

Relativ wichtig ist mir der Gedanke an die vergleichsweise gute Bezahlung, die mich nach dem Abschluß des Studiums erwartet. (Gute Bezahlung)

5.

Ich wollte auf jeden Fall studieren. Eine Begründung für meinen Entschluß kann ich nicht geben. Ich vermute, daß meine Studienwahl eher zufällig ist. (Zufällige Studienwahl)

6.
Ich bin unzufrieden mit der unwissenschaftlichen Art, mit der im Alltag gewisse Probleme angepackt werden. Mit der Wahl des Studium will ich dem begegnen. (Unwissenschaftliche Art)
7.
Persönliche Schwierigkeiten spielen eine gewisse Rolle. (Persönl. Schwierigkeiten)
8.
Ich bin mit den politischen Verhältnissen unzufrieden. (Unzufrieden mit Politik)
9.
Einen nicht-akademischen Beruf, nur auf das Geldverdienen ausgerichteten Beruf lehne ich entschieden ab. (Kein bloßes Geldverdienen)
10.
Ich will ein Fach studieren, das die meisten anderen nicht gewählt haben. (Das "besondere" Studium)
11.
Besondere Faszination geht für mich stets von der Atmosphäre eines wissenschaftlichen Labors aus. (Faszination des Labors)
12.
Ich suche weniger den Wissenserwerb um seiner selbst willen, sondern vielmehr eine Ausbildung für die berufliche Praxis. (Ausbildung für Praxis)
13.
Mich zog vor allem die große Bedeutung an, die meinem Fach für die "Welt von morgen" zukommt. (Studium mit Zukunft)
14.
Mich leitete ein allgemeines Streben nach breiterer Erkenntnis. Von meinem Fachgebiet verspreche ich mir ein besseres Verständnis für das, "was die Welt im Innersten zusammenhält". (Breitere Erkenntnis)
15.
Mein Studium scheint ein guter Weg zu sein, zu besserer Selbsterkenntnis zu gelangen. (Bessere Selbsterkenntnis)
16.
Um ehrlich zu sein: mir geht es hauptsächlich um den Erwerb akademischer Titel, ohne die man im Konkurrenzkampf des heutigen Berufslebens benachteiligt ist. (Erwerb eines Titels)

   
   


Im Unterschied zu Fisch et al. (1970) wurde die Zustimmung zu den Aussagen nicht auf einer sechsstufigen Skala, sondern durch Vorgabe von drei Antwortkategorien („zutreffend", „nicht zutreffend" und „spielte in meinen Ðberlegungen keine Rolle") erhoben. Um unsere Resultate mit denen von Fisch et al. (1970) und Witte (1977) vergleichen zu können, genügte diese einfache Skala, da diese Autoren ihre Daten dichotomisierten (Zustimmung versus Nichtzustimmung) und individuelle Gewichtungen damit unberücksichtigt blieben.

(e) Am Ende des 1. Semesters wurden die Studienanfänger erneut befragt. Diesmal baten wir sie, ihre Gedanken zu der offenen Frage "ob und in welcher Beziehung sich Ihre anfänglichen Erwartungen an Ihr Studienfach erfüllt oder auch nicht erfüllt haben" zu formulieren.

Weitere Bestandteile des Fragebogens, die hier nicht von Belang sind, werden in Stoltze, Hertwig und Jesch (in Druck) berichtet.

Durchführung

Die Befragungen fanden innerhalb der ersten vier bzw. der letzten zwei Wochen des Wintersemesters 1992/93 im Rahmen von Lehrveranstaltungen und Einführungsseminaren statt.

Ergebnisse

Wir werden die Ergebnisse unserer Studie mit anderen, insbesondere aber mit den Studien von Fisch et al. (1970) und Witte (1977) vergleichen. Im Mittelpunkt des Vergleichs stehen soziodemographische Merkmale der Psychologiestudenten, deren Lektüre vor dem Studium und ihre Beweggründe zur Wahl des Studienfachs.

Haben sich die Studienanfänger im Fach Psychologie verändert?

In der vorliegenden Stichprobe waren mehr als zwei Drittel der Studienanfänger (72%) weiblich. Dies spiegelt einen generellen Trend wider, den man in Studien in der Nachfolge von Fisch et al. (1970) finden kann. Ðberwog in deren Studie noch die Anzahl männlicher Studenten (60%), berichtete Witte (1977) bereits ein ausbalanciertes Verhältnis (51% männlich, 49% weiblich). In jüngeren Untersuchungen (Witte & Brasch, 1991; Hofmann & Stiksrud, 1993) ist der Anteil weiblicher Studienanfänger dann auf etwa zwei Drittel angewachsen. Obgleich besonders deutlich in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, ist der zunehmende Anteil von weiblichen Studienanfängern in Deutschland und Österreich ein fachübergreifendes Phänomen.[2]

Für unsere Stichprobe ergab sich bei Studienbeginn ein mittleres Lebensalter von 23.5 Jahren, das damit leicht unter den etwa 25 Jahren liegt, die von Witte und Brasch (1991) in Hamburg und Süllwold und Soff (1990) in Frankfurt berichtet wurden. Dieser Unterschied erklärt sich leicht dadurch, daß in Österreich anders als in Deutschland die Hochschulreife bereits nach 12 Schuljahren erworben wird. Betrachtet man allerdings den Median anstelle des Mittelwertes, dann unterscheidet sich unsere Stichprobe (21 Jahre) kaum von dem relativ niedrigen Studieneintrittsalter, das Fisch et al. (1970) vor 25 Jahren berichteten (damals: 22 und 20.5 Jahre für männliche und weibliche Studenten). Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, daß Studienanfänger in Psychologie relativ alt sind (z.B. Süllwold & Soff, 1990; Ottersbach et al, 1990). Ohne diese Beobachtung in Frage zu stellen, sei der Hinweis erlaubt, daß eine Häufigkeitsverteilung des Lebensalters zumindest aber der Median dem Mittelwert vorzuziehen ist, wenn, wie z.B. in unserer Stichprobe, das Lebensalter des ältesten Studenten 64 Jahre und das Lebensalter von 17 aus insgesamt 109 Studienanfängern 30 Jahre und darüber betrug.

Welche fachbezogene Lektüre haben Studienanfänger in Psychologie vor dem Beginn des Studiums gelesen?

In einer Reihe früherer Studien wurden Studenten gefragt, welche psychologischen Fachbücher oder Autoren sie vor Beginn des Studiums gelesen haben. Ihre Antworten versprachen, sowohl ein Spektrum des fachspezifischen Vorwissens, ihrer Interessen und ihres Bildes vom Fach Psychologie zu vermitteln. Ðbereinstimmend wurde berichtet, daß die Lektüre vor dem Studium deutlich psychoanalytisch orientiert ist. Auch unsere Ergebnisse fügen sich hier nahtlos ein. In Tabelle 2 werden die zehn Autoren, die in unserer und in drei früheren Untersuchungen am häufigsten genannt wurden, aufgelistet. Ähnlich wie bereits bei Fisch et al. (1970), Witte (1977) und Hofmann und Stiksrud (1993) haben die Studienanfänger unserer Stichprobe vorwiegend psychoanalytisch orientierte Autoren gelesen. Neben dem Spitzenreiter Sigmund Freud waren dies Erich Fromm und Alice Miller, gefolgt von Carl Gustav Jung, Erwin Ringel, Victor Frankl und Alfred Adler. Als Autoren mit einer nicht-psychoanalytischen Orientierung wurden nur Paul Watzlawik, den man möglicherweise auch als Grenzgänger sehen kann, Charlotte Bühler und Konrad Lorenz genannt.

 

   
   

Tabelle 2

Liste der Autoren, die Studienanfänger im Fach Psychologie auf die Frage nach ihrer fachspezifischen Lektüre vor dem Studium genannt haben. Die Zahl in Klammern steht für den Rangplatz, den der Autor unter den zehn am häufigsten genannten Autoren einnahm.

Fisch et al. (1970)  
Witte (1977)
 
Hofmann & Stiksrud (1993)
 
 Vorliegende Studie
(1) Freud   (1) Freud   (1) Freud   (1) Freud
(2) Hofstädter   (9) Hofstädter        
(3) Bühler   (8) Bühler       (8) Bühler
(4) Jung       (4) Jung   (4) Jung
(5) Lorenz   (7) Lorenz   (3) Lorenz   (9) Lorenz
(6) Adler   (5) Adler   (9) Adler   (7) Adler
(7) Rohracher            
(8) Mitscherlich   (4) Mitscherlich        
(9) Lersch            
(10) Eysenck            
    (2) Richter        
    (3) Fromm   (2) Fromm   (2) Fromm
    (6) Reich        
    (10) Laing        
    (5) Pawlow        
    (6) Watzlawik   (10) Watzlawik    
    (7) Kübler-Ross        
    (8) Skinner        
    (10) Frankl   (6) Frankl    
        (3) Miller    
        (5) Ringel    

   
   


Freud, Lorenz und Adler wurden in allen vier Studien, Bühler, Jung und Fromm wurden in drei Studien genannt. Auch in dieser Autorengruppe, deren Beliebtheit über 25 Jahre ungebrochen scheint, dominieren die psychoanalytischen Klassiker. Peter Hofstätter, der bei Fisch et al. (1970) noch den zweiten Rangplatz einnahm, wird bei Witte (1977) nur noch auf dem neunten Platz geführt, und erscheint in den 80er und 90er Jahren nicht mehr unter den am häufigsten gelesenen Autoren. Dieses Schicksal wurde auch Hubert Rohracher, Philipp Lersch und Hans Jürgen Eysenck zuteil.

Warum werden so viele psychoanalytische Autoren genannt? In Österreich findet sich hierfür eine plausible und einfache Erklärung. Anders als im deutschen Schulsystem ist Psychologie als Pflichtfach (im Umfang von 2-3 Wochenstunden) an höheren Schulen in Österreich etabliert. Amann und Baumann (1994) haben die an den Schulen verwendete Psychologielehrbücher analysiert und fanden, daß in der Tat in den Lehrbüchern in weiten Teilen tiefenpsychologische Erklärungsansätze in den Bereichen Ätiologie und Therapie angeführt werden.

In der häufigen Nennung psychoanalytisch orientierter Autoren sahen Fisch et al. (1970) eine Beobachtung aus der Studienberatung bestätigt: "Die Vorstellungen vom Inhalt des Psychologie-Studiums scheinen weitgehend geprägt durch die Arbeiten Freuds und anderer (populärer) Psychoanalytiker" (S. 246-247). Sollte dies richtig sein, liegt natürlich die Vermutung nahe, daß dieses Bild vom Fach Psychologie zwangsläufig mit einem Studienangebot im Grundstudium in Konflikt geraten muß, das relativ wenige oder gar keine Lehrveranstaltungen psychoanalytischen Inhalts anbietet. Enttäuschung, Unzufriedenheit und Umorientierung scheinen vorprogrammiert. Auf die Frage, ob dies tatsächlich die vorherrschenden Empfindungen der Studienanfänger am Ende des ersten Semesters waren, werden wir später zurückkommen.

Gibt es einen zeitlichen Wandel in den Beweggründen zum Psychologiestudium?

Fisch et al. (1970) legten Studienanfängern Ende der 60er Jahre eine Liste von 16 Aussagen vor, die Beweggründe für die Studienwahl Psychologie thematisieren (Studie I: Zwischensemester nach dem WS 68/69). Witte (1977) präsentierte dieselben Aussagen im SS 76 und WS 76/77 (Studie II), und wir taten dies im WS 92/93 (Studie III). Abbildung 1 zeigt die prozentuale Häufigkeit von Zustimmungen zu den Aussagen in allen drei Studien.[3] (Die Aussagen sind durch Schlagworte gekennzeichnet; vollständig sind sie in Tabelle 1 aufgeführt.)

Ungefähr 25 Jahre sind seit der Studie von Fisch et al. (1970) vergangen. In diesem Vierteljahrhundert scheinen die Beweggründe erstaunlich stabil geblieben zu sein.

Unter fast allen Studienanfängern - damals wie heute - scheint Einigkeit darüber zu bestehen, daß Psychologie weder eine zufällige Studienwahl noch hauptsächlich dadurch bestimmt ist, einen akademischen Titel erwerben zu wollen. Ebensowenig wird die Studienwahl durch die Erwartung einer vergleichsweise guten Bezahlung, der Absicht möglichst schnell das Studium abzuschließen, oder ein Fach zu studieren, das die meisten anderen nicht gewählt haben, bestimmt.

Erstaunlich konstant blieb auch die Zustimmung zu einem Beweggrund, der häufig als spezifisch für Psychologie vermutet wird. Etwa ein Drittel aller Studienanfänger (Studien I-III: 31%, 40% und 31%) stimmten der Aussage zu, daß persönliche Schwierigkeiten eine gewisse Rolle spielten. Hier fügt sich auch ein, daß im WS 92/93 wie auch bei Fisch et al. (1970) und Witte (1970) mehr als die Hälfte der Studienanfänger in ihrem Studium einen guten Weg sahen, zu besserer Selbsterkenntnis zu gelangen. Ob beide Beweggründe tatsächlich fachspezifisch sind, wird der Vergleich mit Studienanfängern in Biologie und Jura zeigen. Als stabil erwiesen sich gleichfalls die Antworten auf die Aussage, daß Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen ein maßgebender Gesichtspunkt bei der Studienwahl war. Etwa zwei Fünftel der Studienanfänger in allen drei Stichproben (Studie I-III: 39%, 43%, 38%) bejahten diese Aussage. In einem öffentlichen Meinungsklima, in dem Schlagworte wie "Politikverdrossenheit" en vogue sind, überrascht es, daß so viele unserer Studienanfänger dennoch diesem Beweggrund zustimmten.

Drei Beweggründe fanden in allen drei Stichproben deutliche Zustimmung. Fast jeder Studienanfänger stimmte der Aussage zu, daß persönliche Neigung ein maßgebender Gesichtspunkt war, und für deutlich mehr als die Hälfte traten die Studieninteressen bereits während der Schulzeit hervor. Mehr als zwei Drittel bejahten ein allgemeines Streben nach breiterer Erkenntnis, und erhoffen sich diese von ihrem Fachgebiet.

In welchen Beweggründen unterscheiden sich die Studienanfänger im WS 92/93 von denen aus den 60er und 70er Jahren? Um Unterschiede zu identifizieren, haben wir den Index h berechnet, den Cohen (1988) als eine Effektgröße für Unterschiede zwischen Proportionen vorgeschlagenen hat.[4] In nur zwei Beweggründen erreichen die Unterschiede zu den Ergebnissen von Fisch et al. (1970) und Witte (1977) mindestens "mittlere" Effektgröße (d.h. h_.5). Noch etwa die Hälfte der Studienanfänger bei Fisch et al. (1970) und Witte (1977) stimmten den Aussagen zu, daß sie einen nicht-akademischen, nur auf das Geldverdienen ausgerichteten Beruf entschieden ablehnten und sie weniger den Wissenserwerb um seiner selbst willen, sondern vielmehr eine Ausbildung für die berufliche Praxis suchten. Im WS 92/93 betrug die Zustimmung zu beiden Aussagen nur noch 23% und 27%. Ðber die Gründe kann man spekulieren. Man könnte vermuten, daß die Entscheidung zwischen einer akademischen und einer nicht-akademischen Berufsausbildung in Anbetracht des auch für Akademiker größer gewordenen Beschäftigungsrisikos heute nüchterner beurteilt wird (vgl. „Berufsaussichten und Arbeitsmarkt" in Bargel, Sandberger & Ramm, 1992). Ist die Entscheidung für eine akademische Ausbildung aber einmal getroffen, dann kann es zu einem Phänomen kommen, das Peisert (1984) so beschrieb: „Entgegen möglichen Erwartungen setzten jene, die schlechte Berufsaussichten wahrnehmen, keineswegs häufiger auf die Alternative ‘sichere Berufsaussichten’" (S. 87). Im Gegenteil, je schlechter die Berufsaussichten desto lieber wird ein Fach studiert, das einen fachlich interessiert. Diese Tendenz könnte eine Erklärung dafür sein, warum in unserer Stichprobe nur so wenige Studienanfänger der Aussage zustimmten, daß sie eine Ausbildung für die berufliche Praxis suchten. Eine andere Erklärung könnte sein, daß sich heute mehr Studienanfänger als noch in den 70er und Ende der 60er Jahren gewahr sind, daß die universitäre Ausbildung im Fach Psychologie nur begrenzt auf eine therapeutische oder klinische Tätigkeit vorbereitet. Zu dieser Einsicht mag die in Österreich wie Deutschland langandauernde öffentliche Debatte um ein Psychotherapeutengesetz beigetragen haben.

Von diesen Unterschieden abgesehen, sind die Profile der Beweggründe in den drei Stichproben überraschend ähnlich. Das spiegelt sich auch darin wider, daß die prozentualen Häufigkeiten der Zustimmungen über die Studien hoch korreliert sind. Die Korrelation zwischen den Ergebnissen für das WS 92/93 und denen von Fisch et al. (1970) und Witte (1977) beträgt .95 bzw. .90; die Korrelation zwischen Fisch et al. (1970) und Witte (1977) beträgt .90. Wir verfügen damit über eine Antwort auf die erste der beiden Fragen, die im Titel dieses Beitrages gestellt wurden: Die Beweggründe haben sich über Zeit als erstaunlich stabil erwiesen. Im nächsten Teil wenden wir uns der Frage nach der Fachspezifität der Beweggründe zu.

Unterscheiden sich die Beweggründe der Studienanfänger in Psychologie, Jura und Biologie?

Um fachspezifischen Beweggründen, sofern es sie gibt, auf die Spur zu kommen, haben wir neben Studienanfängern in Psychologie auch solche in einem geistes- und einem naturwissenschaftlichen Fach befragt. Im folgenden werden Psychologie-, Jura- und Biologiestudenten im Hinblick auf soziodemographische Variablen, ihre Lektüre vor dem Studium, ihre Beweggründen und den Erfahrungen am Ende des 1. Semesters verglichen.

In Tabelle 3 sind die Informationen zusammengefaßt, um die wir die Studienanfänger in allen drei Fächern baten. Der Anteil von Frauen ist im Psychologiestudium größer als im Jurastudium. Im Vergleich zu den Jurastudenten sind die Psychologiestudenten älter, haben seltener unmittelbar nach der Schule (bzw. nach dem Bundesheer oder Zivildienst) das Studium aufgenommen und häufiger eine Berufsausbildung vor dem Studium absolviert. In ähnlicher Weise unterscheiden sich die Jura- auch von den Biologiestudenten.

 

   
   

Tabelle 3

Stichprobenmerkmale der Studienanfänger in Psychologie, Jura und Biologie im WS 1992/93 an der Universität Salzburg

   
    Alter (in Jahren)  
Studienanfänger WS 1992/1993
   
       
Psychologie
(n = 109)
Jura
(n = 105)
Biologie
(n = 67)
   
    Mittelwert  
23.4
19.7
21.7
   
    Median  
21
19
20
   
    Geschlecht (in %)  
   
    männlich  
28
46
34
   
    weiblich  
72
54
66
   
    Habe sofort nach der Schule das Studium aufgenommen (in %)  
50
73
67
   
    Habe nach der Schule eine Berufsausbildung absolviert (in %)
 
29
11
27
   
    Weiß bereits in welchem Bereich ich später arbeiten möchten (in %)  
83
76
70
   
    Möchte in folgendem Bereich nach Abschluß des Studiums arbeiten (in %)  
   
    Wirtschaft und Industrie  
16
39
9
   
    Forschung und Lehre  
7
0
55
   
    Therapeutischer Bereich  
   
    Klinik  
15
   
    Beratungsstelle  
20
   
    Selbst. therapeut. Praxis  
18
   
    Öffentliche Verwaltung  
5
   
    Rechtanwaltskanzlei  
21
   
    Sonstiges  
7
11
6
   
   
   
   


Trotz Unterschiede im Lebensalter und in den Erfahrungen vor dem Studium, haben beinahe gleich viele Psychologie- (83%) wie Jurastudenten (76%) bereits eine Vorstellung darüber, in welchem Bereich sie später arbeiten möchten. Etwa 50% der Psychologiestudenten wollen im klinisch-therapeutischen Bereich und etwa 40% der Jurastudenten in Wirtschaft und Industrie arbeiten. Von den 70% Biologiestudenten, die bereits Berufsvorstellungen besitzen, wollen etwa die Hälfte im Bereich Forschung und Lehre tätig sein. Dieser relativ hohe Anteil erklärt sich vermutlich durch die vielen Lehramtskandidaten im Fach Biologie.

Welche fachbezogene Lektüre haben Jura- und Biologiestudenten vor dem Studium gelesen?

Im Vergleich zu den Psychologiestudenten haben die Jura- und Biologiestudenten weniger fachbezogene Literatur vor dem Studium gelesen. Lediglich 10 von 105 Jurastudenten nannten im Schnitt 1.4 Titel, 28 von 67 Biologiestudenten nannten 1.5 Autoren, und 72 von 109 Psychologiestudenten nannten 2.0 Autoren. Die unterschiedliche Lektürehäufigkeit relativiert sich allerdings, sobald man psychoanalytische Literatur, mit der sicherlich auch der eine oder andere Studienanfängern in Jura und Biologie vertraut ist, ausschließt. Betrachtet man die Titel bzw. Autoren, die von Jura- (z.B. Bürgerliches Recht) und Biologiestudenten (z.B. Konrad Lorenz) genannt werden, kann man spekulieren, daß diese - anders als mancher Psychologiestudent - mit Erwartungen an ihr Fach an die Universität kommen, die durch das akademische Lehrangebot nicht völlig enttäuscht werden.

Sind Beweggründe zum Psychologiestudium fachspezifisch?

Wie den Psychologiestudenten legten wir auch den Jura- und Biologiestudenten jene 16 Aussagen vor, die Beweggründe für die Studienwahl Psychologie thematisierten. Abbildung 2 zeigt die prozentuale Häufigkeit, mit der die Studienanfänger in den drei Fächern den Aussagen zustimmten.

Abbildung 2

Ein kurzer Blick genügt, um festzustellen, daß diese Antwortmuster heterogener sind als jene, die wir innerhalb des Fachs Psychologie zu verschiedenen Erhebungszeitpunkten gefunden haben. Eine Analyse der Effektgröße h bestätigt diesen Eindruck.

Von mittlerer bis großer Effektgröße (h > .5) sind die folgenden Unterschiede: Mehr Jura- als Psychologiestudenten stimmten den Aussagen zu, daß (a) der Erwerb eines akademischen Titels, (b) die gute Bezahlung, die nach dem Abschluß des Studiums zu erwarten ist, und (c) die Ausbildung für die berufliche Praxis Beweggründe für die Studienwahl waren. Hingegen stimmten mehr Psychologie- als Jurastudenten (h>.5) den Aussagen zu, daß (d) ihr Studium ein guter Weg sei, zu besserer Selbsterkenntnis zu gelangen, (e) sie unzufrieden sind mit der unwissenschaftlichen Art, mit der im Alltag gewisse Problem angepackt werden, und sie dem mit der Wahl des Studiums begegnen wollen, und (f) sie eine ausgeprägte persönliche Neigung für das Fachgebiet haben. In einem weiteren Beweggrund erreichten die Unterschiede nahezu mittlere Effektgröße (h = .44): Fast ein Drittel (31%) der Psychologie- aber nur 13% der Jurastudenten sahen in persönlichen Schwierigkeiten einen Grund für ihre Studienwahl.

Ähnliche große Unterschiede wie zwischen Jura- und Psychologiestudenten, kann man auch für Jura- und Biologiestudenten beobachten. Mehr Jura- als Biologiestudenten stimmten den Aussagen (a)-(c) zu. Hingegen stimmten mehr Biologie- als Jurastudenten den Aussagen zu, daß die Faszination der Atmosphäre eines wissenschaftlichen Labors, die große Bedeutung, die dem Fach für die "Welt von morgen" zukommt und eine ausgeprägte persönliche Neigung für das Fachgebiet eine Rolle bei der Studienwahl gespielt haben.

Der einzige Unterschied zwischen Biologie- und Psychologiestudenten, der mittlere Effektgröße erreicht, ist folgender: 50% der Biologie- aber nur 10% der Psychologiestudenten sind von der Atmosphäre eines wissenschaftlichen Labors fasziniert und sahen darin einen Beweggrund für ihre Studienwahl. Von nahezu mittlerer Effektgröße (h = .44) ist der Unterschied in den Antworten zu der Aussage, daß persönliche Schwierigkeiten ein Rolle spielten. Fast ein Drittel (31%) der Psychologie- aber nur 13% der Biologiestudenten sahen darin einen Beweggrund für ihre Studienwahl.

Neben diesen Unterschieden gibt es aber auch erstaunliche Gemeinsamkeiten. In der Diskussion ihrer Ergebnisse erwähnten Fisch et al. (1970) eine damals häufiger geäußerte Meinung, wonach sich in den Sozialwissenschaften vor allem solche Studenten einfänden, die mit sich und den politischen Verhältnissen unzufrieden seien. Da Fisch et al. (1970) weder Quer- noch Längsschnittsdaten zur Verfügung standen, konnten sie diese Meinung weder bestätigen noch widerlegen. In unseren Ergebnissen deutet nichts daraufhin, daß Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen ein zeitspezifisches oder fachspezifisches Phänomen sind. Sowohl innerhalb der verschiedenen Stichproben von Psychologiestudenten (siehe oben) wie auch über Fächer stimmten etwa zwei Fünftel der Studienanfänger der Aussage zu, daß Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen ein Gesichtspunkt ihrer Studienwahl war. Hier sei angemerkt, daß, obgleich die Zustimmung über Fächer beinahe identisch ist, dies nicht bedeutet, daß die politischen Haltungen und gesellschaftlichen Orientierungen fächerübergreifend die gleichen sind (vgl. z.B. Bargel et al., 1992).

Kommen wir zu der Frage zurück, ob es Beweggründe der Studienwahl gibt, die spezifisch für das Fach Psychologie sind. Legt man eine mittlere oder nahezu mittlere Effektgröße h als Kriterium für eine große Differenz zugrunde, dann unterscheiden sich Psychologie- sowohl von Jura- wie auch von Biologiestudenten tatsächlich nur in dem Beweggrund "Persönliche Schwierigkeiten". Allerdings rechtfertigen ein Drittel Zustimmungen (unter Psychologiestudenten) zu der Aussage, daß persönliche Schwierigkeiten eine Rolle gespielt haben, keineswegs die gelegentlich zu hörende Meinung, der „typische" Psychologiestudent sei jemand, der emotional instabil ist (vgl. Janssen & Gabler, 1974).

Auf der Grundlage einer mittleren Effektgröße h stellen sich insgesamt vier Beweggründe als spezifisch für die Studienwahl Jura heraus. Mehr Jura- als Psychologie- oder Biologiestudenten scheinen am Erwerb eines akademischen Titels interessiert, versprechen sich durch ihre Studienwahl gute Verdienstmöglichkeiten, und suchen eine Ausbildung für die berufliche Praxis. Andererseits erklärten nur ungefähr zwei Drittel der Jura- aber über 90% der Psychologie- und Biologiestudenten, daß persönliche Neigung für das Fach ein Gesichtspunkt ihrer Studienwahl war. Biologiestudenten schließlich scheint lediglich der Beweggrund "fasziniert von der Atmosphäre eines wissenschaftlichen Labors" eigen zu sein.

Sind also Beweggründe zur Wahl eines Studienfachs fachspezifisch? Die Antwort, die wir geben können, ist auf den Punkt gebracht folgende: Die Beweggründe von Psychologie- und Biologiestudenten ähneln einander und unterscheiden sich von denen der Jurastudenten. Dies spiegelt sich auch im Korrelationsmaß wider. Die Korrelation der prozentualen Häufigkeit der Zustimmungen für Psychologie- und Biologiestudenten beträgt .88, wohingegen die zwischen Psychologie- bzw. Biologie einerseits und Jurastudenten anderseits nur .55 bzw. .52 beträgt.

Wurden die Erwartungen in das Studienfach erfüllt?

Ein Semester ist wenig Zeit, um einen tiefen Einblick in ein Studienfach zu gewinnen. Andererseits erlaubt es doch, Informationen über fachspezifische Literatur, Themen und Methoden des Faches zu sammeln. Mehr noch, es gestattet auch, die Universitätskultur mit ihren spezifischen Verstärkerstrukturen kennenzulernen.

Wir haben am Ende des ersten Semesters Studienanfänger in allen drei Fächern gebeten, niederzuschreiben, ob und in welcher Beziehung sich ihre anfänglichen Erwartungen an das Studienfach erfüllt haben. Nicht alle der befragten Studenten haben auch an der Befragung zu Beginn des Semesters teilgenommen und nicht alle konnten oder wollten eine Antwort auf diese Frage geben: Im Schnitt gaben 92% (93 von 101), 75% (36 von 48) und 86% (32 von 37) der am Ende des 1. Semesters befragten Psychologie-, Jura- bzw. Biologiestudenten eine bis zwei Antworten, die in Inhaltskategorien klassifiziert wurden. Abbildung 3 zeigt die Auftretenshäufigkeit der verschiedenen Inhaltskategorien. (Die Graphik berücksichtigt nur solche Kategorien, denen mindestens etwa 10% der Antworten zugeordnet werden konnten.)

Abbildung 3

Nicht in der Abbildung enthalten ist, daß sich in allen drei Fächern ein beträchtlicher Teil der Studienanfänger (40 - 50%) von der Frage nach ihren Erwartungen distanzierte, indem sie darauf hinwiesen, daß sie entweder keine oder zumindest keine hohen Erwartungen hatten, oder zu wenig Zeit verstrichen sei, um diese Frage bereits beantworten zu können.

Fast ein Sechstel der Biologie-, ein Viertel der Psychologie- und nahezu ein Drittel der Jurastudenten vermerkten positiv, daß ihr Interesse für das Fach gefördert wurde. Weiterhin positiv überrascht wurden 22% der Jura- und 16% der Psychologiestudenten dadurch, daß der Stoff nicht so "trocken", der Unterricht praxisnäher (Jura) und das Klima angenehmer und weniger anonym (Psychologie) als erwartet war. Negativ angemerkt wurde von der Hälfte der Biologiestudenten, daß zuviel Allgemeines (Vorlesungen in Chemie, Physik und Mathematik) gelehrt wurde, dessen Relevanz für das eigene Fach nicht genügend erkennbar war. Studenten in allen drei Fächern, insbesondere aber fast ein Viertel der Psychologiestudenten, beklagten fehlende Praxisnähe. Desgleichen konstatierten 20% der Psychologiestudenten uninteressante Literatur (z.B.: "einseitig", "zuviel Biologie und Medizin") und 8% der Jurastudenten uninteressante Ðbungen. Schließlich wurde auch von etwa 10% der Psychologiestudenten beklagt, daß der festgelegte Studienplan ihnen zu wenig Selbständigkeit (z.B. Diskussionen in der Lehrveranstaltung) einräumte.

Angesichts ihrer vorwiegend psychoanalytisch orientierten Lektüre vor dem Studium, könnte man vermuten, daß Psychologiestudenten die geringe Repräsentanz der Psychoanalyse im Grundstudium beklagten. Interessanterweise haben dies nur fünf (von 101) Studenten getan. Dieselben Studenten haben auch angemerkt, daß sie sich eine Trennung zwischen einer „naturwissenschaftlichen-experimentellen" und einer „therapeutischen" Psychologie wünschten.

Weder zu Beginn noch am Ende des 1. Semesters gelang es uns, sämtliche Studienanfänger zu befragen.[5] Natürlich schränkt dies die Aussagekraft der Ergebnisse ein. Insbesondere dann, wenn wie in der Befragung am Ende des 1. Semesters Studienabbrecher nicht zu Wort kommen, weil sie die Lehrveranstaltungen oder Seminare, in denen der Fragebogen ausgeteilt wurde, nicht mehr besuchten. Nichtsdestotrotz läßt sich aber festhalten, daß die Revision von Erwartungen zum Negativen wie auch zum Positiven nicht spezifisch für das Studienfach Psychologie, sondern vermutlich eher ein generelles Phänomen des Hochschulstudiums ist.

Schlußfolgerungen

Zeitlicher Wandel in den Beweggründen zur Wahl des Psychologiestudiums hätte viele Formen annehmen können. Zum Beispiel hätte das Streben nach breiterer Erkenntnis eher ausbildungs- und berufsorientierten Gesichtspunkten weichen können. Dies war nicht der Fall. Eher im Gegenteil waren in unserer Studie deutlich weniger Studienanfänger auf der Suche nach einer Ausbildung für die berufliche Praxis als noch bei Fisch et al. (1970) und Witte (1977). Wandel hätte sich auch dadurch ausdrücken können, daß Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen heute seltener als in den 60er Jahren ein Beweggrund für die Studienwahl darstellt. Auch dies traf nicht zu. Mit beinahe gleicher Häufigkeit wie in den 60er und 70er Jahren wurde dieser Beweggrund auch in den 90er Jahren angeführt. Gleiches gilt für eine Reihe anderer Beweggründe. Die Beweggründe der Psychologiestudenten scheinen recht stabil zu sein; ein Befund, der fächerübergreifend auch in früheren Studien berichtet wurde (siehe hierzu Peisert, 1984, S.81).

Sind die Beweggründe fachspezifisch? Wir fanden tatsächlich einige fachspezifische Beweggründe. Allerdings zeichnen diese nicht Psychologie sondern Jura gegenüber Biologie und Psychologie aus. Pointiert formuliert scheint das Studium von Jura in größerem Maße als das der Psychologie oder Biologie ein Mittel zum Zweck zu sein. Der Zweck kann im Erwerb eines akademischen Titels, in der Ausbildung für die berufliche Praxis oder in guten Verdienstmöglichkeiten im späteren Beruf bestehen. Die relativ hohe Gewichtung, die Jurastudenten diesen Beweggründen zuordnen, wurde auch von Peisert (1984) berichtet, der diese als "extrinsisch-materiell" charakterisiert hat. Der Entscheidung zum Psychologie- und Biologiestudium scheinen eher "fachlich-intrinsische" Beweggründe wie etwa die Neigung zum Fach zugrunde zu liegen. Eine "sozial-idealistische" Orientierung, die nach Peisert (1984) Sozialwissenschaftler auszeichnet, kam in freien Antworten der Studienanfänger auf die Frage, warum sie Psychologie studierten, zum Ausdruck. Die drei am häufigsten genannten Antwortkategorien waren „Interesse am Menschen", „Einwirkenwollen auf Menschen und Gesellschaft" und „Wissenschaftliches Interesse an der Psychologie" (siehe Stoltze et al., in Druck). Zwei dieser Beweggründe fanden sich bereits bei Fisch et al. (1970) und Witte (1977) unter den drei häufigsten Antwortkategorien. Es scheint also auch die sozial-idealistische Orientierung der Studienanfänger im Fach Psychologie zeitlich relativ stabil zu sein.

Die extrinsisch-materielle Motivation der Jurastudenten soll hier nicht überbetont werden, da die Fragebogenitems ihnen wenig Möglichkeit boten, andere Beweggründe zum Ausdruck zu bringen. Auf die freie Frage, warum sie Jura wählten, antworteten fast die Hälfte der Befragten, daß auch intrinsische Gesichtspunkte wie zum Beispiel "Sinn für Gerechtigkeit" in der Studienwahl eine Rolle gespielt haben (siehe Stoltze et al., in Druck). Dieser Befund ändert allerdings nichts daran, daß sich auf den vorgegebenen Items deutliche Unterschiede zwischen Jurastudenten einerseits und Psychologie- und Biologiestudenten andererseits manifestierten.

Unsere Motivation für diese Studie war nicht berufs- oder fachpolitischer Art und daher soll am Ende auch keine Diskussion fachpolitischer Implikationen stehen. Statt dessen wollen wir an eine in den sechziger Jahren vielbeachtete Philippika gegen den "mittleren Studenten" erinnern, dem Killy (vgl. Killy, 1971) Interessenlosigkeit und bloßes Denken an gesichertes Fortkommen vorwirft. Unsere Ergebnisse geben wenig Anlaß, dies den Studienanfängern in Psychologie vorzuwerfen.

Literatur

Amann, G. & Baumann, U. (1994). Differentielle Wissensbestände über psychische Krankheiten in den österreichischen Psychologie-Schulbüchern. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 2, 1-24.

Bargel, T., Sandberger, J.-U. & Ramm, M. (1992). Studiensituation und studentische Orientierungen: Vierte Erhebung zur Studiensituation an Universitäten und Fachhochschulen. In Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Bildung-Wissenschaft-Aktuell 9/92. Bonn.

Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.). (1992). Studenten an Hochschulen 1975 bis 1991 (Reihe Bildung-Wissenschaft-Aktuell 7/92.). Bonn.

Cohen, J. (1988). Statistical power analysis for the behavioral sciences (2. Auflage). Hillsdale, NJ: Erlbaum.

Fisch, R., Orlik, P. & Saterdag, H. (1970). Warum studiert man Psychologie? Psychologische Rundschau, 21, 239-256.

Hofmann, H. & Stiksrud, A. (1993). Wege und Umwege zum Studium der Psychologie III. Psychologische Rundschau, 44, 250-256.

Janssen, J.-P. & Gabler, H. (1974). Sind Psycholoigestudenten unter Studienanfängern eine „Negativauslese"? Psychologische Rundschau, 25, 275-293.

Killy, W. (1971) Der mittlere Student. In W. Killy, Bildungsfragen (S. 110-119) München: Verlag C.H. Beck.

Österreichisches Statistisches Zentralamt (Hrsg.). (1994). Statistisches Jahrbuch für die Republik Österreich. Wien.

Ottersbach, G., Grabska, K. & Schwarze, E. (1990). Psychologie: Das verfehlte Studium? Wie Psychologiestudenten ihr Studium sehen, beurteilen und bewältigen. Alsbach/Bergstraße: Leuchtturm-Verlag.

Peisert, H. (1984). Studiensituation und studentische Orientierungen. In Bundesminister für Bildung und Wissenschaft (Hrsg.), Studien zur Bildung und Wissenschaft, 5, Bonn.

Profil Spezial (1990). Hochschulen 90 - Wege aus der Krise.

Profil extra (1993). Welche Uni ist die beste? Hochschulen ‘93.

Spiegel Spezial (1990). Studieren heute - Welche Uni ist die beste? Hamburg: Spiegel Verlag.

Spiegel Spezial (1993). Welche Uni ist die beste? Hamburg: Spiegel Verlag.

Stoltze, A., Hertwig, R. & Jesch, H. (in Druck). Studienmotivation bei Erstsemestrigen. In A. Kyrer, A. Stoltze & E.-J. Kaak (Hrsg.), Vernetzung und Synergie: Arbeitsmarktforschung und Bildungsmanagement in der Euregio Salzburg, Berchtesgaden, Traunstein (S. 12-17). Regensburg: Transfer Verlag

Süllwold, F. & Soff, M. (1990). Wege und Umwege zum Studium der Psychologie. Psychologische Rundschau, 41, 108-112.

Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (1971). Beispiel Psychologie - Hochschulpolitische Entscheidungen ohne gesellschaftspolitische Perspektive. Psychologische Rundschau, 22, 130-134.

Witte, E. H. (1977). Zur Studienmotivation von Erstsemestern im Fach Psychologie. In: E. H. Witte (Hrsg.), Psychologie als empirische Sozialwissenschaft. (S. 223-231). Stuttgart: Enke.

Witte, E. H. & Brasch, D. (1991). Wege und Umwege zum Studium der Psycholgie II. Psychologische Rundschau, 42, 206-210.

 

Autorenhinweis

Viele Personen haben diese Arbeit unterstützt. Namentlich möchten wir Alfred Kyrer nennen, der in den Studienjahren 1991 bis 1993 Rektor der Universität Salzburg war. Der Leiter der Studienabteilung, Johann Pinezits, hat uns freundlicherweise einige Salzburger Hochschulstatistiken zur Verfügung gestellt. Herzlich danken möchten wir auch den Leitern der Einführungsseminare und Lehrveranstaltungen, die die Durchführung dieser Untersuchung möglich machten. Gabriele Amann, Ulrich Hoffrage und Bertrand Lisbach halfen uns mit vielen hilfreichen Kommentaren zu einer früheren Version dieses Manuskripts.

 

Fußnoten

[1] Witte und Brasch (1991), die gleichfalls Items aus der Studie von Fisch et al. (1970) verwendeten, berichteten nur Skalenmittelwerte und nicht die relativen Häufigkeiten der Zustimmung zu den Studienmotiven. Janssen und Gabler (1974) berichteten nur für einige Items die Ergebnisse. Daher werden diese beiden Studien hier nicht berücksichtigt.
[2] Von 1975 bis 1991 nahm der Frauenanteil unter Studienanfängern in der alten Bundesrepublik um 4.1% zu (vgl. Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, 1992, S. 24). In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften betrug im gleichen Zeitraum die Zunahme 8.9%. In Österreich stieg der Frauenanteil unter den Hörern an Universitäten und Kunsthochschulen von 23% im Jahr 1955/56 auf 45% im Jahr 1993/94 (vgl. Österreichisches Statistisches Zentralamt, 1994, S. 85).
[3] Hier und im folgenden werden nur die prozentualen Häufigkeiten der „zutreffend" Antworten berichtet. Die Unterscheidung zwischen „nicht zutreffend" und „spielte in meinen Ðberlegungen keine Rolle" wird für den gegenwärtigen Zweck vernachlässigt.
[4] Um den h-Index zu berechnen, werden die prozentuale Häufigkeiten, P, zunächst transformiert (f = 2arcsin hrbew__0104.gif (89 Byte)) und dann wird die Differenz der transformierten Werte gebildet (h=f1-f2). In Cohens (1988) Klassifikation ist h = .20 ein kleiner, h = .50 ein mittlerer und h = .80 ein großer Effekt.
[5] Da im Fach Psychologie die Einführungsveranstaltung verbindlich ist und wir in allen Einführungsveranstaltungen den Fragebogen austeilen konnten, gelang es uns nahezu alle „aktive" Hauptfachstudenten zu erfassen. In den Fächern Jura und Biologie konnten wir allerdings nur 22% bzw. 19% der eingeschriebenen Studienanfänger befragen. Wir glauben aber, daß diese Prozentsätze tatsächlich höher sind, weil sich unter den Eingeschriebenen auch solche befinden, die ihr Studium aus verschieden Gründen nicht ausüben.
 
   
         
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