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Soziale Ungleichheit unter Kindern in Schulklassen |
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Krappmann,
Lothar Dieser Antrag wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
im Dezember 1999 mit einer Laufzeit von zwei Jahren bewilligt. |
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| Contact Author | Zusammenfassung
Durch Befragungen von 200 Kindern aus acht Grundschulklassen (zwei Schulen mit je zwei Klassen auf der 3. und der 5. Jahrgangsstufe) sollen Wahrnehmungen, Handlungsmuster und Einstellungen der Kinder zu sozialer Ungleichheit im Handlungs- und Beziehungsfeld der Schulklasse aufgedeckt werden. Es soll untersucht werden, inwieweit sich "klassische" Dimensionen sozialer Ungleichheit wie Macht, Verfügung über begehrte Güter und Ansehen auch in der Sozialwelt der Kinder finden und inwieweit der Umgang mit Ungleichheit und die soziale Stellung von Kindern in der Klasse mit der Sozialerfahrung der Kinder unter Gleichaltrigen und/oder mit ihrer sozialen Herkunft in Verbindung stehen. Die Untersuchung geht in der ersten Phase ethnographisch-deskriptiv vor und prüft in der zweiten Phase, ob Aushandlungs- und Kooperationsbereitschaften eines Kindes mit seiner Stellung im Ungleichheitssystem der Kinderwelt und seinen Reaktionen auf Ungleichheitserfahrungen zusammenhängen. Das Vorhaben orientiert sich theoretisch am interaktionistisch-konstruktivistischen Ansatz, nach dem Kompetenzen und Handlungsbereitschaften nicht nur "übernommen", sondern aufgrund eigener Erfahrungen ausgebildet werden. I. Zur Thematik der Ungleichheit unter Kindern und ihrer Bearbeitung Erscheinungsweisen sozialer Ungleichheit in der Kinderwelt, Faktoren,
die die Entstehung sozialer Ungleichheit unter Kindern beeinflussen,
sowie Fragen, in welcher Weise erfahrene Ungleichheit zur Ausbildung
von grundlegenden Konzepten und Handlungsmustern beiträgt, fanden
in der Forschung bislang wenig Beachtung. Vor allem wenn Ungleichheit
nicht allein als Ergebnis des Einflusses der Erwachsenenwelt betrachtet
wird, sondern als ein Phänomen, das auch Ursprünge in der
Kinderwelt hat, finden sich kaum Arbeiten. Immerhin liegt die ältere
Untersuchung von Hollingshead (1975) vor, nach der sich im Klassenzimmer
Gruppen bilden, die sich in ihrem Einfluß auf die Meinungsbildung
unter den Schülerinnen und Schülern unterscheiden und zur
Reproduktion von Ungleichheit dadurch beitragen, daß sie, wie
insbesondere Coleman aufgriff, den weiteren Bildungsweg dieser Jugendlichen
mitbestimmen. Für Coleman (1961) und Bronfenbrenner (1976) neigen
Gruppen von Heranwachsenden, die sich dem Erwachseneneinfluß entziehen,
zu bandenartigen Binnenstrukturen, in denen sich schwächere Mitglieder
den Anführern, die einen Vaterersatz darstellen, unterwerfen. Adler
und Adlers (1998) ethnographische Studie von Cliquen in der Voradoleszenz
zeigt, daß diese Cliquen eine soziale Schichtung innerhalb der
Jahrgangsstufen amerikanischer Schulen erzeugen, die das soziale Leben
der acht- bis zwölfjährigen Jungen und Mädchen und ihre
Identitätsentwicklung massiv beeinflußt. Ethologische und
soziobiologische Studien haben Rangordnungen in Kindergruppen untersucht,
die sowohl ranghohen als auch rangniederen Kindern Vorteile bringen,
weil sie Aushandlungen vorstrukturieren und auch nicht nur um egostischer
Ziele willen eingesetzt werden (Charlesworth & LaFreniere 1983;
Hawley 1999; LaFreniere & Charlesworth 1987; Savin-Williams 1979;
Sherif, Harvey, White, Hood & Sherif 1961; Strayer & Trudel
1984). Beobachtet wurde, daß sich entwicklungsrelevante Freundschaften
überwiegend unter ranggleichen Kindern bilden (Grammer 1988). 2. Unser Zugang zur Ungleichheit in der Kinderwelt Kinder können sich in vielerlei Hinsicht als ungleich betrachten.
Sie sind beispielsweise ungleich in Hinblick auf ihr Alter, ihre Körpergröße,
ihr Aussehen, ihre Vorlieben und Fähigkeiten, ihre Besitztümer
und Verhaltensgewohnheiten. Manche dieser Unterschiede scheinen ihnen
wichtiger zu sein als erwachsenen Menschen; andere sind ihnen vermutlich
weniger bedeutsam als Erwachsenen. Einige dieser Unterschiede sind nur
Bestandteile der mannigfaltigen Verschiedenheit, die Menschen auszeichnet,
andere konstituieren soziale Ungleichheit oder sind deren Folge. 3. Sozialisationsforschung im Rahmen der Kinder- und Kindheitsforschung Diese Untersuchung versteht sich als Teil der Kinder- und Kindheitsforschung,
wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Diese Forschung betont
zum einen, daß Kindheit eine "strukturelle und gesellschaftliche
Einheit" (Qvortrup 1993) darstellt, die ein - ebenso wichtiger
wie gefährdeter - Bestandteil der Sozialstruktur der Gesellschaft
ist, der mit anderen strukturellen Einheiten wie der Familie, dem Bildungswesen
oder der Ökonomie in Verbindung steht und somit von gesellschaftlichen
Normen und Institutionen mitgeformt wird. Kindheit ist zum anderen aber
auch ein eigenständiger Bereich, den Kinder mit Hilfe eigener Aktivität,
aufgrund ihrer besonderen Perspektive und ausgehend von den ihnen einsichtigen
Interessen, Regeln und Bedeutungen ausgestalten. Daher hat auch Sozialisation
einen doppelten Aspekt: Kinder sind einerseits auf die Unterstützung
von Erwachsenen und der von ihnen geschaffenen Erziehungsinstitutionen
angewiesen. Aber ebenso wichtig ist einzubeziehen, daß Kinder
als aktiv Fragende und selbständig Experimentierende und Interpretierende
an Prozessen der Sozialisation beteiligt sind. Die Interaktionen und
Beziehungen ihrer Kinderwelt stellen einen eigenen Erfahrungsbereich
dar, in dem Kinder das Vermittelte und das Selbsterfahrene verbinden
und Wissen, Sinn und Kompetenzen "rekonstruieren". Dies kommt
in Corsaros Konzept der "interpretativen Reproduktion" (Corsaro
1992, 1997) zum Ausdruck, das herausstellt, daß Kinder in die
Erwachsenenwelt integriert werden, aber auch eigene Verhaltensmuster
(cultural routines) ausbilden, in denen sie interpretierend aufarbeiten,
was Erwachsene an sie herantragen. 4. Von der Forschung zur Ungleichheit unter Erwachsenen zur Erforschung von Ungleichheit unter Kindern In Theorie und empirischer Forschung haben Soziologen durchweg Erwachsene
vor Augen, wenn sie gesellschaftliche Ungleichheit erforschen. Sie untersuchen
deren Ungleichheit unter der Rücksicht, inwieweit Menschen in der
Lage sind, ihre eigene Lebenssituation in guter Weise zu gestalten.
Da Mittel für die Verwirklichung der erstrebenswerten Ziele knapp
sind und viele diese Mittel für sich in Anspruch nehmen wollen,
lassen sich Menschen danach unterscheiden, in welchem Maße sie
imstande sind, sich Anteil an den Ressourcen für gutes Leben zu
sichern.
Diese sozialen Strukuren, sowohl der sozialen Schichtung als auch anderer sozialer Differenzierungen werfen die Frage auf, wie sich soziale Ungleichheit reproduziert, also auf welchem Wege die nachwachsende Generation das System der Ungleichheit übernimmt (Klocke 1998). Diese Reproduktion wurde zunächst vor allem der Bildung und den wirtschaftlichen Möglichkeiten zugeschrieben, die Eltern ihren Kindern vermitteln; später sprach man von "sozialem und kulturellem Kapital" (Bourdieu 1983, Coleman 1987), das Eltern ihren Kindern in unterschiedlichem Ausmaße mitgeben, das aber auch außerhalb von Elternhaus und Schule erarbeitet wird, etwa im außerschulischen Freizeit- und Bildungsbereich, in dem Kinder und Jugendliche zusätzliche Qualifikationen erwerben können (Büchner 1989, Büchner & Krüger 1996). Das beabsichtigte Projekt soll diese Fragestellung noch erweitern und untersuchen, ob auch die Sozialwelt der Kinder und Jugendlichen dazu beiträgt, Vorstellungen und Handlungsstrategien zu entwickeln, die die Heranwachsenden in ein System sozialer Ungleichheit einfügen. Dieses Vorhaben mag zunächst überraschend erscheinen, weil in der Kinderforschung die Sozialwelt der Kinder - unbeschadet der bereits erwähnten Ausnahmen - durchweg als ein Sozialbereich angesehen wird, in dem Interaktionen und Beziehungen an der Vorstellung der Gleichheit ausgerichtet werden. Einander als "peer" zu begegnen, bedeutet nach Hartup (1983), sich wechselseitige Ebenbürtigkeit zuzuerkennen. In einer bei Piaget (1973) angelegten Forschungstradition wurde immer wieder die strukturelle Differenz zwischen der symmetrisch-kooperativen Beziehung unter Kindern und der komplementären Erwachsenen-Kind-Beziehung herausgestellt und die produktive Funktion der egalitären Interaktion unter Kindern, wenn auch unter präzisierenden Einschränkungen und Überwindung einseitiger Idealisierungen, dargestellt (Azmitia 1996, Cole 1996, Damon 1996, Goodnow 1996, Graf, Carstensen, Weinert & Shweder 1996, Rogoff 1990, Youniss 1994). Das Thema der Ungleichheit scheint auf diesem Hintergrund mit der Kinderwelt nicht zu verbinden zu sein. Tatsächlich hat die bisherige Forschung den Kindern die Ungleichheit gleichsam übergestülpt, d.h. sie nicht als eine in der Kinderwelt selbst angelegte Erfahrung und Vorstellung betrachtet. Ohne weitere Problematisierung hat die Forschung den Kindern denselben Ungleichheitsstatus zugeschrieben, der aufgrund soziologischer Kriterien ihren Eltern zuerkannt wird, indem sie unterstellt, daß Wohlstand, Bildung und Kultur der Erwachsenen auch für Kinder wertvolle Aspekte des Lebens sind. Ein "Unterschichtkind" (wir wollen auf die Problematik dieses Begriffs hier nicht eingehen) wird man, weil man ein Kind von "Unterschichteltern" ist, ebenso wie man ein "Mittelschichtkind" wird, weil man ein Kind von "Mittelschichteltern" ist. Auch wenn inzwischen gesehen wird, daß eine auf Kinder abgestimmte "Operationalisierung sozialer Ungleichheit" nötig ist (Klocke 1995), wird die soziale Lage der Kinder und Jugendlichen immer noch über Kriterien ermittelt, die an ihren Eltern gemessen werden. Sicherlich haben - wie oben bereits ausgeführt - die materielle Lage der Eltern, ihre soziale Stellung und ihre kulturelle Einbindung auch Auswirkungen auf die Lebenssituation der Kinder. Dennoch ist die einfache Gleichsetzung der sozialen Lage von Eltern und Kindern zu befragen. Soziale Ungleichheit von Kindern soll in dieser Untersuchung nicht allein und nicht primär aus der Erwachsenenperspektive betrachtet werden, sondern in ihr soll einbezogen werden, daß Kinder ihre eigenen Vorstellungen dazu entwickeln, was gutes (Kinder-)Leben ist. Kinder unterscheiden sich daher auch danach, inwieweit sie an diesem gutem (Kinder-)Leben teilhaben. Zum Beispiel ist in unseren Untersuchungen aufgefallen, daß die verfügbaren Finanzmittel eines Kindes nicht immer dem Einkommen der Eltern entsprechen. Es gibt auch Fälle, in denen wohlausgestattete Kinder in der Sozialhierarchie der Schulklasse unten stehen, während Kinder aus sozio-ökonomisch schwachem Elternhaus Einfluß und Ansehen in der Schulklasse besitzen. Die Forschung hat sich mit diesen Diskrepanzen bisher nicht beschäftigt. Darüber hinaus ist zu fragen, ob und in welcher Weise sich Kinder und Erwachsene hinsichtlich der Kriterien für gutes Leben und soziales Wohlbefinden unterscheiden. Obgleich Kinder sich bemühen, von gleich zu gleich miteinander zu verkehren, sprechen nicht zuletzt eigene Beobachtungen (Krappmann & Ittel 1996, Krappmann & Oswald 1995, Zornemann, Krappmann, Graber & Oswald 1999) dafür, daß Kinder in ihrer Sozialwelt auch Erfahrungen mit Ungleichheit machen, die nicht von der sozialen Stellung der Eltern beeinflußt ist. Im relativ unabhängigen Bereich des Kinderlebens entstehen eigene Vorstellungen darüber, was man haben und können sollte und was wertvoll ist. Diese Gegenstände, Sachverhalte und Verhaltenspotentiale, auf die sich Ungleichheit unter Kindern stützt, sind bislang nicht systematisch untersucht worden. Uns scheint von hohem empirischem und theoretischem Interesse zu prüfen, ob die Güter der Kinderwelt und der Zugang zu ihnen sich im Rahmen der Weberschen Ungleichheitsdimensionen begreifen läßt. Sicherlich müßten dafür diese Dimensionen in eine Version "übersetzt" werden, welche der Erfahrungswelt der Kinder gerecht wird. Offensichtlich geht es Kindern um Macht über andere, und sie setzen dabei oft physische Kraft, Drohung und Angst, Energie und Furchtlosigkeit und andere Mittel der Überlegenheit ein, zumal wenn sie von ihren Wünschen überwältigt werden, sie sich im Recht glauben oder Ungeduld und Frustration ihre Rücksichtnahmen mindern (Dimension "Macht"). Es gibt auch Güter, die Kindern wichtig, aber knapp sind, etwa Spielzeug, Süßigkeiten, Attraktionen vieler Art, aber auch Räume und Gelegenheiten, so daß Kinder versuchen, sich Anteile und Nutzungsmöglichkeiten zu sichern (Dimension "Zugangschancen"). Auch finden Kinder in unterschiedlichem Maße Akzeptanz bei anderen Kindern. Unterschiedliche Akzeptanz von Kindern wurde mit soziometrischen Methoden vielfach untersucht. Ablehnung eines Kindes von seiten der Gleichaltrigen belastet seine Teilnahme am sozialen Kinderleben und ist ein Risiko für die langfristige Entwicklung eines Kindes (Asher, Parkhurst, Hymel & Williams 1990, Coie, Terry, Lenox, Lochman & Hyman 1995, Kupersmidt, Coie & Dodge 1990). Kinder bemühen sich daher um ihren Ruf, modische Ausstattung, Verbindung mit beliebten und Abgrenzung von abgelehnten Kindern und suchen nach Anerkennung in Freundschaften und Gruppen (Dimension "Ansehen"). Dabei scheinen sich über die Jahre der Kindheit hinweg Prozesse der Umbewertung zu vollziehen, durch die sich allmählich Übereinstimmung über das herausbildet, was lediglich als Differenz und was als Unterschied im Rang, was als "verdiente" und was als "unverdiente" Ungleichheit (Rawls 1979) anzusehen ist. Ebenso entsteht, jedenfalls in Teilgruppen, nach und nach ein Konsens darüber, was als legitimes Mittel, sich Zugang und Anteil zu sichern, sowie als eigene Weise, angenehm zu leben, zu betrachten ist, und was als unfair, regelwidrig und ungerecht. Somit ist zu erwarten, daß nicht nur Systeme sozialer Ungleichheit aufgedeckt, sondern auch unterschiedliche Formen der Lebensführung unter Kindern deutlich werden. Allerdings wird unter Kindern nicht nur ein System sozialer Ungleichheit seine kindgemäße Ausprägung erhalten, sondern sich auch individuelle und folglich plurale Lebensstile in kindspezifischer Form entfalten. Die Reaktionen der Kinder sowohl auf die vertikale als auch auf die horizontale Differenzierungsdimension muß Aufmerksamkeit finden (Gleichheits- versus Anerkennungskonflikte; Taylor 1993). Diese Reaktionen innerhalb der Sozialwelt der Kinder sollen daraufhin untersucht werden, wie sich Kinder mit sozialer Ungleichheit als Über- und Unterordnung auseinandersetzen und wie sie Differenzen ohne soziale Hierarchisierung in ihrer Sozialwelt verarbeiten. 5. Forschung zur sozial-kognitiven Entwicklung Kinder bilden Konzepte, mit denen sie ihr soziales Wissen organisieren
und die ihnen auch helfen, mit anderen gemeinsam die soziale Wirklichkeit
zu verstehen ("organisierender" und "kommunikativer"
Aspekt nach Damon 1982). Wir folgen der Auffassung, daß Kinder
diese Konzepte nicht zufällig übernehmen, sondern sie in Auseinandersetzung
mit konzeptuellen Angeboten und mit Erfahrungen beim Handeln auf der
Grundlage bislang erworbener Konzepte ausarbeiten (Selman 1984). Diese
Konzepte setzen mit Begriffsbildungen ein, in denen Kinder zunächst
ein sich ihnen aufdrängendes, kognitiv bewältigbares Merkmal
eines Sachverhalts aufgreifen. Nach und nach beziehen sie weitere Merkmale
ein, so daß die Konzepte zunehmend differenzierter und zugleich
in ihrer inneren Logik konsistenter werden, wie am Beispiel der Freundschaftsvorstellung
von Kindern wiederholt gezeigt wurde (Keller & Wood 1989, Noack
1992, Selman 1981, Youniss 1994). 6. Ungleichheit als Ergebnis ko-konstruktiver Interaktion unter Kindern Im Hinblick auf die Entwicklung der Perspektivenübernahme hat
Selman (1980) verdeutlicht, daß die kognitive Entwicklung eine
notwendige Voraussetzung für die sozio-kognitive Entwicklung sei,
aber die Erfahrung mit anderen hinzukommen müsse, um Kinder dazu
zu bringen, auf eine nachfolgende Stufe der Perspektivendifferenzierung
überzuwechseln. Hervorgehoben wird, daß der Erwerb von Wissen
an die Struktur der Beziehung gebunden sei, in der dieses Wissen übermittelt
bzw. gemeinsam erarbeitet wird (Youniss 1980, 1994, Nicolaisen 1994).
Die Möglichkeit von Nachfrage und Widerspruch, von Erproben und
Revision entscheide darüber, ob Wissen verstehend durchdrungen
wird und Lernende es sich zu eigen machen können oder ob es bloß
äußerlich übernommen wird. II. Unser Vorhaben Das neue Vorhaben stützt sich vor allem auf
theoretische Ansätze, Analysen von Daten aus Beobachtungen und
Befragungen und daran anschließende Überlegungen des Projekts
"Alltag der Schulkinder", das Lothar Krappmann und Hans Oswald
mit weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgeführt haben
(Zusammenfassender Bericht über Ergebnisse aus diesem Projekt:
Krappmann & Oswald 1995; DFG-Sachbeihilfe Az.: Os 29/4-1), aber
auch auf Hinweise aus den Projekten "Direkte und indirekte Einflüsse
der Familie auf die Gleichaltrigenbeziehungen in der mittleren Kindheit"
(DFG-Sachbeihilfe Az.: Os 29/5-1), "Sozialbeziehungen von Kindern
im sozio-kulturellen Kontext Ost-Berlins" (DFG-Sachbeihilfe Az.:
Os 29/7-1), die ebenfalls von Hans Oswald und Lothar Krappmann geleitet
wurden. 2. Ziele unserer Untersuchung In dem beantragten Projekt soll untersucht werden:
Schulklassen sind ein besonders geeignetes Feld zur Erforschung sozialer Ungleichheit unter Kindern, weil Kinder sich gemeinsamen Situationen und den anderen Mitgliedern der Schulklasse infolge der zwangsweise geteilten Räume und Zeiten nicht entziehen können. Mehr als in der Kinderwelt außerhalb von Institutionen bilden sich im Klassenleben dauerhafte Sozialhierarchien, die das Sich-Wohlfühlen, die Beteiligung am Klassenleben und auch die Lernchancen beeinflussen. Da die meisten Kinder in ihrer Schulklasse auch Freundinnen bzw. Freunde haben, kann sich zeigen, ob Kinder sich in ihre Freundschaften zurückziehen, um der Erfahrung von Ungleichheit zu entgehen, oder ob sie Freundschaften als eine Ressource nutzen, um sich Ungleichheiten zu widersetzen oder eine vorteilhafte Stellung zu verteidigen. 3. Arbeitsprogramm 3.1 Stichprobe
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| 3.2 Instrumente
und Variablen 3.2.1 Ethnographie der Ungleichheit in der sozialen Kinderwelt Um Denk- und Handlungsmuster, die sich auf die Ungleichheit des Einflusses von Kindern auf Entscheidungen in Aushandlungssituationen und von ihnen einsetzbare Mittel beziehen, aufzudecken, werden wir den Kindern kurze Episoden mit Situationen ihrer Lebenswelt ("Vignetten") vorstellen, in denen ein Kind in einer Angelegenheit, die die Interessen anderer Beteiligter berührt, ein Ergebnis nach eigener Zielsetzung erreicht, ohne sich an Grundsätze des Interessenausgleichs und gleichberechtigter Vorgehensweisen zu halten. Ziel ist es, Beschreibungen der befragten Kinder zu erhalten, wie Kinder derartige Vorkommnisse wahrnehmen, einschätzen und auf sie reagieren. In den Vignetten wird Ungleichheit im Einfluß auf Aushandlungen in den Rahmen verschiedener Beziehungskonstellationen gestellt, um prüfen zu können, inwieweit die Art, in der Kinder sich mit der Ungleichheit des Einflusses auf Entscheidungen auseinandersetzen, von ihren Beziehungen zu anderen Kindern abhängt. Die Befragung wird die vorgelegten Episoden in den konkret den Kindern vorstellbaren Zusammenhang einer Schulklasse einbetten, in der Kinder üblicherweise sowohl Freundinnen und Freunde haben als auch mit Kindern zusammen sind, die ihnen fern stehen oder mit denen sie kaum kooperieren. Durch Nachfragen sollen die Kinder dazu gebracht werden:
Die Aussagen sollen zudem unter der Rücksicht ausgewertet werden, ob sich in den Angaben der Kinder über die Mittel, die Kindern zur Verfügung stehen, um sich mit eigenen Interessen gegen andere durchzusetzen, zentrale Dimensionen erkennen lassen. Insbesondere wollen wir der Frage nachgehen, ob eine sinnvolle Zuordnung zu den Dimensionen sozialer Ungleichheit, Macht, Zugang zu Gütern und Ansehen, möglich ist, die sich an Überlegungen Max Webers zu sozialer Ungleichheit anlehnen. Auch Bourdieus Unterscheidungen ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitals können möglicherweise helfen, Mittel der Einflußnahme zu bündeln. Wir sind aber auch für andere zusammenfassende Kategorisierungen offen, die vielleicht adäquater die Handlungsmöglichkeiten und Interpretationsmuster der Kinder widerspiegeln; denn möglicherweise korrespondieren in der Kindheit noch nicht alle Auffassungen über statusrelevante und -irrelevante Verschiedenheit mit denen der Erwachsenen. Ferner soll untersucht werden, ob die befragten Kinder in diesen Episoden eine dauerhafte Struktur ungleichen Einflusses unter Kindern wahrnehmen, welche Bedeutung sie dieser wahrgenommenen Ungleichheit unter Kindern zuerkennen und wie Kinder mit der von ihnen wahrgenommenen Ungleichheit umgehen. Die Antworten im Rahmen der Befragung zu den Ungleichheitsvignetten werden folglich daraufhin untersucht,
3.2.2 Kinder im System der Ungleichheit in der Kinderwelt
Daher wird ermittelt,
3.2.3 Eigenschaften von Kindern, ihr familialer Hintergrund
und ihre Auseinandersetzung mit Ungleichheit in der Kinderwelt
Zu der zweiten Gruppe unabhängiger Variablen zählen wir Faktoren, deren Einfluß auf die Ausbildung von Ungleichheitsvorstellungen und ihnen entsprechende Handlungsmuster wir prüfen wollen. Wir sind uns darüber im klaren, daß wir in dem beantragten Projekt noch keine kausalen Erklärungen liefern, sondern nur Zusammenhänge postulieren können, die sich in einem weiteren Forschungsprojekt bestätigen oder nicht. Wir werden Zusammenhänge mit folgenden Faktoren prüfen, die das Sozialleben der Kinder, ihren familialen Hintergrund und ihren sozialen Erfahrungsraum umfassen:
3.2.4 Folgen der Stellung im System der Ungleichheit
und der Auseinandersetzung mit Ungleichheit 3.2.5 Erwartete Zusammenhänge
Wir vermuten eine Reihe von Zusammenhängen mit Variablen aus nachfolgenden Arbeitsschwerpunkten, etwa:
Wir erwarten Korrelationen zwischen den Vorstellungen und Reaktionsweisen der Kinder auf Ungleichheit sowie ihrer Stellung im Ungleichheitssystem der Kinder auf der einen Seite und ihrem (relativen) Alter, Geschlecht; sowie ihren Sozialerfahrungen mit anderen Kindern und ihrer sozial-kognitiven Kompetenz auf der anderen Seite. Auch von der Erfahrung des Kindes in der Familie, an Entscheidungen beteiligt zu werden, erwarten wir Zusammenhänge mit den Variablen der individuellen Ungleichheitswahrnehmung und -auseinandersetzung. Einen Zusammenhang erwarten wir außerdem zwischen der Sozialerfahrung der Kinder mit anderen Kindern und ihrer Einschätzung, daß der Freundeskreis von Gleichheit geprägt sein soll. Folglich als Beispiele: |
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Eigenschaften von Kindern, ihr familialer Hintergrund
und ihre Auseinandersetzung mit Ungleichheit in der Kinderwelt
Folglich als Beispiele:
Folgen der Stellung im System der Ungleichheit
und der Auseinandersetzung mit Ungleichheit
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