Großstadtgefühle? Auseinandersetzungen um urbane Emotionen in Berlin und Kairo (1860-1914)
Das Leben in der Großstadt formt deren Bewohner, es bringt den Großstadtmenschen hervor. Auf dieser Annahme baut zumindest eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Zugängen auf, welche die Auswirkungen von Urbanität untersuchen. Ob Kriminologen Großstadtängste analysieren, Ethnologen „Happiness“ in den Suburbs verorten oder Soziologen ein großstadtspezifisches Repertoire von Liebespraktiken, den Citysex, beschreiben, immer wieder stehen dabei Gefühle in ihrer spezifisch urbanen Ausprägung im Vordergrund. Sind „Großstadtgefühle“ damit eine unvermeidliche Folge des Lebens in der großen Stadt? Gibt es eine Geschichte der Großstadtgefühle?
Dieses Projekt untersucht die Rolle von Gefühlen während einer Phase intensiven städtischen Wandels. Im Mittelpunkt stehen Auseinandersetzungen um den Einfluss der Großstadt auf Emotionen sowie Veränderungen emotionaler Praktiken in Berlin und Kairo zwischen 1860 und 1914. Haben zeitgenössische Beobachter bestimmte Großstadtgefühle benannt? Welche Akteure bedienten sich der Vorstellung von Großstadtgefühlen? Haben die Auseinandersetzungen um Großstadtgefühle den städtischen Wandel in Berlin und Kairo beeinflusst? Um auf diese Fragen zu antworten, werden für jede der beiden Städte drei Fallstudien (wissenschaftliche Debatten, der Umgang der Polizei mit Emotionen und städtische Reformbewegungen) genutzt. Die Betrachtung von Berlin und Kairo erlaubt es schließlich diese Fragen in einen globalhistorischen Zusammenhang zu stellen.