Die Rolle von Emotionen in kolonialen Konflikten der Moderne
Das Forschungsvorhaben untersucht im Rahmen zweier Teilprojekte die Rolle von Emotionen in kolonialen Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Das erste Teilprojekt konzentriert sich auf Westeuropa in den Jahrzehnten zwischen 1905 und 1945. In dieser Zeit war eine erhebliche Anzahl von Kolonialgegnern aus verschiedenen britischen und französischen Kolonien in Großbritannien, Frankreich und Deutschland aktiv. Sie wurden in zunehmendem Maße durch prokoloniale Regierungs- und Polizeiinstitutionen überwacht, was entscheidend zur Bildung transnationaler Netzwerke über innereuropäische Grenzen hinweg beitrug: Um der Überwachung zu entgehen, flüchteten zahlreiche Kolonialgegner aus dem Zentrum „ihres“ jeweiligen Kolonialreiches in andere europäische Länder, woraufhin die verschiedene europäischen Regierungen begannen, sich über die Aktivitäten der Kolonialgegner auszutauschen und zu versuchen, gemeinsam gegen sie vorzugehen. Im Zentrum des Teilprojekts steht die Frage, in welcher Weise Emotionen diese doppelte Transnationalisierung beeinflussten. In diesem Zusammenhang wird sowohl die Bedeutung von „affective communities“ zwischen europäischen und außereuropäischen Kolonialgegnern analysiert, als auch die Rolle von Vertrauensbeziehungen bei der Bildung, Aufrechterhaltung und Überwachung von antikolonialen Kontakten über Landesgrenzen hinweg. Weiterhin untersucht das Teilprojekt, wie tiefgreifende, sich oftmals zu Formen von Paranoia steigernde Ängste der Kolonialherren vor der Unterwanderung ihrer Herrschaftsstellung die Interpretation und Bekämpfung antikolonialistischer Aktivitäten in Europa beeinflussten. Schließlich wird die Strategie der Kolonialgegner analysiert, die europäische Presse für sich zu nutzen, indem sie in der Öffentlichkeit an kollektive Emotionen wie etwa Stolz auf nationale Souveränität appellierten, um sich selbst vor einer möglichen Auslieferung zu schützen.
Das zweite Teilprojekt fragt nach der Rolle von Ehrgefühl und Würdevorstellungen in kolonialen Auseinandersetzungen des zwanzigsten Jahrhunderts, sowohl innerhalb Europas, als auch in den Kolonien. Dabei wird insbesondere untersucht, wie Strategien der Beschämung und des Lächerlich-Machens eingesetzt wurden, um koloniale Hierarchien zu untermauern oder zu untergraben. Das Teilprojekt beschäftigt sich mit der Frage, wie Europäer versuchten, durch rassistische Texte und Grafiken die Bewohner der Kolonien zu karikieren, um sie harmlos und würdelos erscheinen zu lassen. Andererseits zeigt es auf, dass Kolonialgegner ähnliche kommunikative Strategien einsetzten, um die Ehre und Würde von Kolonialisten in Frage zu stellen. In diesem Zusammenhang werden sowohl antikolonialistische humoristische Texte und Karikaturen, als auch die Rolle von Beleidigungen und Ironie in Alltagsinteraktionen und -kommunikationen zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten diskutiert.