EnglishDeutsch

Die Trauerkultur des italienischen Bürgertums (1870-1915)

Tod und Trauer waren im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert deutlich präsenter als heute - im öffentlichen wie im privaten Raum. Dass dies nicht allein auf höhere Mortalitätsraten und eine niedrigere Lebenserwartung zurückzuführen war, deutet Tomasi di Lampedusa in seinem epochalen Roman "Il Gattopardo" an, wenn er den alten Don Fabrizio der Gesellschaft seiner Zeit einen verbreiteten gusto cimiteriale (Friedhofsgeschmack) attestieren lässt.

Dieser scheinbaren Vorliebe für das Morbide geht das Forschungsvorhaben im Rahmen einer Untersuchung zeitgenössischer Trauerempfindungen und -praktiken im italienischen Bürgertum zwischen 1870 und 1915 nach. Ausgehend von der These, dass die mit dem Tod anderer Menschen verbundenen Gefühle und Praktiken maßgeblich durch den Kontext geprägt sind, in dem sie erfahren bzw. geäußert werden, wird im Mittelpunkt der Analyse die Rolle zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie Familie und Religion, Recht, Staat und Wissenschaft für die Empfindungen und Praktiken der Trauer stehen. Auch die Relevanz der Vorstellung vom "guten Tod" sowie die Bedeutung von Schriftlichkeit als Besonderheit bürgerlicher Kultur für den emotionalen Umgang mit Verlusten wird untersucht. Als Untersuchungsmaterial werden dazu unter anderem Quellen aus relevanten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen, Verhaltensratgeber, Gedenkschriften und Selbstzeugnisse herangezogen.

Vermutet wird, dass vor dem Hintergrund des Modernisierungsprozesses des 19. Jahrhunderts einerseits eine zunehmende Rationalisierung der Trauerkultur zu beobachten ist. Außerdem soll gezeigt werden, dass ein emotionales Phänomen wie das Trauern eine wichtige Funktion für die soziale Identität des Bürgertums hatte, indem es die Abgrenzung von anderen gesellschaftlichen Milieus betonte.

Kontakt