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Forschungsbeispiele

ComputationalE Psychiatrie und Alternsforschung: Beispiele

Im Folgenden werden vier Forschungsthemen dargestellt, um Spannweite und Potenzial der Forschungsinitiative MPG-UCL aufzuzeigen.

Beispiel 1

Der PhÄnotyp im Autistischen Spektrum (ASD)

Allgemein wird ASD als Störung der Fähigkeit, eine Annahme über Bewusstseinsvorgänge in anderen Personen vorzunehmen, also der "Theory of Mind" (ToM), angesehen. Die UCL-Gruppe hat kürzlich ein computationales Modell der ToM entwickelt. Es basiert auf der Art, in der Probanden in Wettbewerbsinteraktionen ihre Strategien auf verschiedene Komplexitätsniveaus einstellen, indem sie die Strategie eines Gegners mithilfe Bayesianischer Inferenz mit begrenzter Rationalität beurteilen [1]. Durch Nutzung dieses Modells für die Analyse von Bildgebungsdaten von Gehirnen gesunder Probanden haben wir nachweisen können, dass es möglich ist, die Rolle zuvor identifizierter ToM-Areale im präfrontalen Kortex zu einzuteilen. So hat unser computationales Modell erlaubt, die Kodierung der Glaubensinferenzunsicherheit auf Aktivität im medialen präfrontalen Kortex zurückzuführen, während die Kodierung von Komplexitätsniveaus der Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Kortex zuzuordnen ist [2]. Durch Erweiterung dieses Ansatzes auf die Untersuchung autistischer Patienten (z.B. in einer ersten Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin), haben wir nun eine beträchtliche diagnostische Heterogenität innerhalb einer sonst als einheitlich betrachteten diagnostischen Kategorie  festgestellt. In einer "high-functioning" Gruppe von Probanden mit ASD beobachteten wir, dass selektive Schwierigkeiten bei der Repräsentation des strategischen Komplexitätsniveaus anderer, nämlich bei der Inferenz ihrer Gedankenlese-Strategie, für den Symptomschweregrad spezifisch ist. Auf der anderen Seite wurde eine verringerte iterative Planungsfähigkeit durch das allgemeine Intelligenzniveau vorhergesagt  [3]. Diese Ergebnisse stellen den ersten quantitativen Ansatz zur Erkennung der zugrunde liegenden computationalen Dysfunktionen dar, die das autistische "Spektrum" ausmachen. Im Kontext der Forschungsinitiative MPG-UCL wollen wir diesen Ansatz ausweiten, um die neuronalen und behavioralen Eigenschaften von größeren Kohorten von Probanden mit ASD zu untersuchen. Hervorzuheben ist auch, dass die Erkennung von distinkten computational definierten Defiziten auch die Anwendungsmöglichkeit gezielterer Behandlungsstrategien in diesen Populationen eröffnet.

[1] Yoshida, W., Dolan, R. J., & Friston, K. J. (2008). Game theory of mind. PLoS Computational Biology, 4. doi: 10.1371/journal.pcbi.1000254

[2] Yoshida, W., Seymour, B., Friston, K. J., & Dolan, R. J. (2010). Neural mechanisms of belief inference during cooperative games. Journal of Neuroscience, 30, 10744–10751. doi: 10.1523/jneurosci.5895-09.2010.

[3] Yoshida W., Dziobek, I., Kliemann, D., Heekeren, H.R., Friston K. J., & Dolan R. J. (2010). Cooperation and heterogeneity of the autistic mind. Journal of Neuroscience, 30, 8815–8818. doi: 10.1523/jneurosci.0400-10.2010 

Beispiel 2

Impulsivität bei ADHD und Abhängigkeit

Es ist unwahrscheinlich, dass die Verhaltensphänotypen häufiger psychiatrischer Störungen einzigartige Psychopathologien darstellen. In der Tat spiegeln die mangelnden Fortschritte bei der Identifikation von biologischen Prozessen, die einer großen Bandbreite von Psychopathologien zugrunde liegen, vermutlich das Hintergrundsrauschen der Heterogenität wider. Ein Ansatz zur Entschlüsselung der wesentlichen Prozesse entstammt der Anwendung formaler Modelle. Kürzlich haben wir ein Modell intertemporaler Enscheidung beschrieben, das das Verhalten von Studienteilnehmern erfasst, wenn sie gezwungen sind, zwischen sofortigen und verzögerten Belohnungen zu entscheiden. In diesem Kontext kann Impulsivität als Neigung beschrieben werden, eher kleinere baldige als größere verzögerte Belohnungen auszuwählen [1]. Auf der phänomenologischen Ebene kann Impulsivität auf ein breites Spektrum von zugrunde liegenden Prozessen zurückgehen, einschließlich einer Verzerrung der Kurve einer Nutzenfunktion oder einer Veränderung eines Diskontierungskontrollparameters. Wir zeigten, dass die Steigerung der Impulsivität von Studienteilnehmern mithilfe pharmakologischer Manipulation ihrer dopaminergen Neurotransmission Auswirkungen auf den Diskontierungskontrollparameter hat [2]. Im Kontext der MPG-UCL-Initiative wollen wir diesen Ansatz erweitern, um die computationale Basis von Impulsivität bei Menschen mit ADHD oder Abhängigkeit von Substanzen wie Amphetaminen und Kokain zu untersuchen und damit ein tieferes Verständnis der Kernprozesse, die bei diesen Störungen fehlerhaft sind, erzielen.

[1] Pine, A., Seymour, B., Roiser, J. P., Bossaerts, P., Friston, K. J., Curran, H.V., & Dolan, R. J. (2009). Encoding of marginal utility across time in the human brain. Journal of Neuroscience, 29, 9575–9581. doi:10.1523/jneurosci.1126-09.2009

[2] Pine, A., Shiner, T., Seymour, B., & Dolan R. J. (2010). Dopamine, time and impulsivity in humans. Journal of Neuroscience, 30, 8888–8896. doi: 10.1523/jneurosci.6028-09.2010.

Beispiel 3

Mechanismen und Heterogenität des Alterns von Gedächtnis

Individuelle Unterschiede in Prozessen des episodischen Gedächtnisses und hirnregionaler Integrität nehmen vom frühen bis späten Erwachsenenalter zu. Kürzlich wurde ein Zweikomponentenkonzept der Entwicklung des episodischen Gedächtnisses zur Erklärung seiner Veränderungen von der Kindheit bis zum hohen Alter vorgeschlagen [1]. Diesem Konzept gemäß gehen die episodischen Gedächtnisschwierigkeiten älterer Menschen auf Beeinträchtigungen von sowohl strategischen als auch assoziativen Komponenten zurück, die die Veränderungen des präfrontalen Kortex und der Mediotemporallappen, vor allem des Hippocampus, in der Seneszenz widerspiegeln. Die assoziative Komponente bezieht sich auf Mechanismen, die verschiedene Aspekte eines Ereignisses zu einer zusammenhängenden Gedächtnisepisode binden. Die strategische Komponente bezieht sich dagegen auf kognitive Kontrolloperationen, die die Enkodierung von diskreten Gedächtnisspuren unterstützen und die folgende strategische Suche, Findung und Evaluation gespeicherter Repräsentationen einleiten. Die Ergebnisse einiger neuerer Studien basieren auf Vorhersagen des Zweikomponentenkonzepts  [z.B. 2]. Die MPG-UCL-Initiative zielt darauf ab, neurocomputationale Modelle der alternden Kognition weiterzuentwickeln und zu verfeinern [3], die die Beiträge seneszenter Veränderungen in Struktur und Funktion von Bereichen des Hippocampus und in dopaminerger Neuromodulation mit den Veränderungen des assoziativen und strategischen episodischen Gedächtnisses und ihrer Interaktion verbinden. Diese Modelle könnten auf das Altern der Gedächtniskonsolidierung und des Vergessens erweitert werden und dazu beitragen, Merkmale auszumachen, die normales kognitives Altern vom Altern mit Demenz abgrenzen.

[1] Shing, Y. L., Werkle-Bergner, M., Brehmer, Y., Mueller, V., Li, S.-C., & Lindenberger, U. (2010). Episodic memory across the lifespan: The contributions of associative and strategic components. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 34, 1080–1091. doi: 10.1016/j.neubiorev.2009.11.002

[2] Shing, Y. L., Werkle-Bergner, M., Li, S.-C., & Lindenberger, U. (2008). Associative and strategic components of episodic memory: A life-span dissociation. Journal of Experimental Psychology: General, 137, 495–513. doi: 10.1037/0096-3445.137.3.495

[3] Li, S.-C., Lindenberger, U., & Sikström, S. (2001). Aging cognition: From neuromodulation to representation. Trends in Cognitive Sciences, 5, 479–486. doi: 10.1016/S1364-6613(00)01769-1

Beispiel 4

Entscheidungsfindung bei Normalem Altern

Bei der Entscheidungsfindung werden Auswahldimensionen verglichen und integriert. Die Neurowissenschaft der Entscheidung hat wesentliche Fortschritte bei der Entdeckung der neurobiologischen und computationalen Grundlagen von Vergleichs- und Integrationsprozessen im erwachsenen menschlichen Gehirn gemacht [1, 2]. Insbesondere wurden Variationen der dopaminergen und serotonergen Systeme mit individuellen Unterschieden der Entscheidungsfindung in Verbindung gebracht. In Erweiterung des allgemeinen Rahmens von Bäckman et al. [3] haben wir eine triadische Beziehung zwischen ökonomischer Entscheidungsfindung, dopaminerger und serotonerger Neuromodulation sowie normalem kognitiven Altern vorgeschlagen [4]. Um diese triadische Beziehung wirksamer zu beschreiben, muss die etablierte Schwerpunktsetzung auf Mittelwertsunterschiede zwischen Gruppen jüngerer und älterer Erwachsener durch Methoden ersetzt werden, die sowohl den Heterogenitätsgrad innerhalb von Altersgruppen als auch den Invarianzgrad der Mechanismen, die effiziente Entscheidungsfindung über Altersgruppen hinweg fördern, erfassen [5]. Eine Kombination von Erkennung genetischer Variation in transmitter-bezogenen Genen und bildgebenden Methoden wird dazu beitragen zu klären, wie sich Unterschiede in dopaminerger and serotonerger Neuromodulation auf Antwortmusterunterschiede im Gehirn bei der Verarbeitung von Risiken und Belohnungsverzögerung auswirken. Sie wird auch helfen, die Art der Integration von Belohnung, Risiko und Belohnungsverzögerung und der Beeinflussung von Integrationsmechanismen durch normales Altern zu untersuchen. Die MPG-UCL-Zusammenarbeit kann eine computationale Plattform für die Modellierung individueller und altersassoziierter Variationen bei der Entscheidungsfindung und ihrer Implikationen für Entscheidungen im Alltag bieten.

[1] Heekeren, H. R., Marrett, S., & Ungerleider, L. G. (2008). The neural systems that mediate human perceptual decision making. Nature Reviews Neuroscience, 9, 467-479. doi: 10.1038/nrn2374

[2] Philiastides, M. G., Biele, G., & Heekeren, H. R. (2010). A mechanistic account of value computation in the human brain. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 107, 9430–9435. doi: 10.1073/pnas.1001732107

[3] Bäckman, L., Nyberg, L., Lindenberger, U., Li, S.-C., & Farde, L. (2006). The correlative triad among aging, dopamine, and cognition: Current status and future prospects. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 30, 791-807. doi: 10.1016/j.neubiorev.2006.06.005

[4] Mohr, P. N. C., Li, S.-C., & Heekeren, H. R. (2010). Neuroeconomics and aging: Neuromodulation of economic decision making in old age. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 34, 678–688. doi: 10.1016/j.neubiorev.2009.05.010

[5] Nagel, I. E., Preuschhof, C., Li, S.-C., Nyberg, L., Bäckman, L., Lindenberger, U., et al. (2009). Performance level modulates adult age differences in brain activation during spatial working memory. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 106, 22552-22557. doi: 10.1073/pnas.0908238106

Kerngremium

Leitende Wissenschaftler

University College London (UCL)
Ray Dolan (Koordinator UCL)
Peter Dayan
Emrah Düzel (auch an der Universität Magdeburg)
Karl Friston
Read Montague

Max-Planck-Gesellschaft (MPG)
Hans-Jochen Heinze (Leipzig, auch an der Universität Magdeburg)
Ulman Lindenberger (Berlin, Koordinator MPG)
Arno Villringer (Leipzig)

Andere Institutionen
Lars Bäckman (Karolinska Institute, Stockholm; Neurochemie des alternden Gehirns)
Hauke Heekeren (Freie Universität Berlin; Entscheidungsverhalten)
Klaas Enno Stephan (Universität Zürich; neurocomputationale Modellierung)
Naftali Raz (Wayne State University; Neuroanatomie des alternden Gehirns)
Gerhard Roth (Universität Bremen; Emotionsregulation und Persönlichkeit)