
Aktuelle Forschungsergebnisse
Gefühlspolitik. Friedrich II. als Herr über die Herzen?
Gefühlspolitik. Friedrich II. als Herr über die Herzen?
Schon Friedrich II. von Preußen wusste, dass es nicht ausreichte, über die Körper der Untertanen zu herrschen. Auch ihre Herzen wollten erobert werden. Durch Liebe, nicht durch Furcht und Gehorsamszwang sollten (früh)moderne Monarchen regieren. So bestimmte es die Staatstheorie. Wie aber sah die Praxis bei einem König aus, der, wie wir wissen, weder mild noch sanft mit seinen Untertanen umging? Das Buch analysiert das Herrschaftsverständnis Friedrichs ebenso wie dessen gefühlspolitische Praktiken. Es zeigt, mit welchen Mitteln der aufgeklärt-absolutistische König die Zustimmung und Zuneigung derjenigen suchte, die seiner Herrschaft unterworfen waren. Dieses Interesse machten sich die Untertanen zunutze: Sie stellten Bedingungen, formulierten Erwartungen und reagierten enttäuscht, wenn der König darauf nicht einging. Herrschaftskommunikation, so die These, verläuft zweigleisig, und das nicht erst in der heutigen Mediengesellschaft. Im 18. Jahrhundert und unter ganz anderen politischen Vorzeichen entdecken wir die Ansätze einer Gefühlspolitik, die die Moderne dauerhaft prägen wird.
Frevert, U. (2012). Gefühlspolitik. Friedrich II. als Herr über die Herzen? Göttingen: Wallstein Verlag.
ISBN 978-3-8353-1008-7
Performance-Related Increases in Hippocampal N-Acetylaspartate (NAA) Induced by Spatial Navigation Training Are Restricted to BDNF Val Homozygotes
Performance-Related Increases in Hippocampal N-Acetylaspartate (NAA) Induced by Spatial Navigation Training Are Restricted to BDNF Val Homozygotes
Neuere Befunde weisen auf erfahrungsabhängige Veränderungen des Hirnvolumens bei Menschen hin – über die funktionellen und histologischen Eigenschaften solcher Veränderungen weiß man jedoch wenig. Wir berichten hier, dass bei Männern, die vier Monate lang jeden zweiten Tag eine kognitiv anspruchsvolle räumliche Navigationsaufgabe ausführten, N-Acetylaspartat (NAA) im Hippokampus gemäß magnetresonanzspektroskopischen Messungen zunahm. Im Gegensatz zu Messungen des Hirnvolumens reagieren NAA-Veränderungen auf metabolische und funktionelle Eigenschaften von neuralem und glialem Gewebe und spiegeln nicht Mikrogefäßveränderungen wider. Trainings-induzierte Veränderungen des NAA blieben jedoch bei Trägern der Met-Substitution im neuronalen Wachstumsfaktor „Brain-derived neurotrophic factor (BDNF)“ aus. Man weiß, dass diese Substitution dazu führt, dass die aktivitätsabhängige Freisetzung von BDNF vermindert ist. Unter BDNF-Val-Homozygoten hingen die NAA-Zunahmen stark mit dem Grad an übungsabhängiger Navigationsverbesserung zusammen und normalisierten sich vier Monate nach der letzten Trainingssitzung auf das Vortrainingsniveau. Wir schließen daraus, dass unterschiedliche Beanspruchung räumlicher Navigation die NAA-Konzentrationen im Hippokampus verändern kann. Dies bestätigt epidemiologische Studien, die darauf hinweisen, dass mentale Erfahrung direkte Auswirkungen auf neurale Integrität und kognitive Leistungen haben kann. Der BDNF-Genotyp moderiert diese plastischen Veränderungen entsprechend der Annahme, dass Gen–Kontext-Interaktionen die Ontogenese komplexer Phänotypen gestalten.
Lövdén, M., Schaefer, S., Noack, H., Kanowski, M., Kaufmann, J., Tempelmann, C., Bodammer, N. C., Kühn, S., Heinze, H.-J., Lindenberger, U., Düzel, E., & Bäckman, L. (2011). Performance-related increases in hippocampal N-acetylaspartate (NAA) induced by spatial navigation training are restricted to BDNF Val homozygotes. Cerebral Cortex, 21, 1435–1442. doi: 10.1093/cercor/bhq230
Jewish Hearts and Minds? Feelings of Belonging and Political Choices Among East German Intellectuals
Jewish Hearts and Minds? Feelings of Belonging and Political Choices Among East German Intellectuals
On the chilly Sunday morning of 10 January 2010, I went for a stroll around the famous Weißensee cemetery in Berlin. I had wanted to see it for a long time and had read about its history as one of Europe’s largest and most beautiful Jewish burial grounds. Like most visitors, I was stunned by its grandeur, which tells so much about Jewish Berliners’ sense of pride and the optimism they felt about the future during the Imperial Period. And I was, like most visitors, struck by the depressing sense of absence after the early 1940s, signalling the monstrous rupture of civilization that had originated in this city.
Two graves in particular captured my attention. One was owned by the Kuczynski family. It clearly dated from the early twentieth century and indicated the wealth and self-confidence of those who had commissioned its architectural layout. The name Kuczynski immediately brought to mind Jürgen Kuczynski (JK) whose books I had read as a student, and whom I had met in 1978 when he gave a talk at Bielefeld University. JK had been a well-known economic historian in the German Democratic Republic (GDR), whom I remembered for his bourgeois attire (he was always dressed in a three-piece suit) and his claim to have reconciled seemingly irreconcilable identities: a Marxist believer, a loyal Communist Party (SED) member, and a free-thinking mind. I looked more closely, but could not find his name among the gravestones. There was Wilhelm Kuczynski, who had died in 1918, his wife Lucy née Brandeis, and some others, but no Jürgen. I decided to look him up as soon as I got home and see if there were any connections.
Frevert, U. (2011). Jewish hearts and minds? Feelings of belonging and political choices among East German intellectuals. Leo Baeck Institute Yearbook, 56, 353-384.
Social Cues at Encoding Affect Memory in Four-Month-Old Infants
Social Cues at Encoding Affect Memory in Four-Month-Old Infants
Es ist aufgrund vielfältiger Belege davon auszugehen, dass Kleinkinder schon in der zweiten Hälfte ihres ersten Lebensjahres soziale Hinweisreize Erwachsener zum Lernen nutzen. Man weiß jedoch wenig über die kurz- oder langfristigen Auswirkungen von Interaktionen in Form von geteilter Aufmerksamkeit („joint attention“) auf das Lernen und Gedächtnis von jüngeren Kleinkindern. In dieser Studie wurden viermonatige Säuglinge unter einer von zwei verschiedenen Versuchsbedingungen mit visuell präsentierten Objekten vertraut gemacht: in einem Fall war das Ausmaß der geteilten Aufmerksamkeit hoch, im anderen niedrig. Die Gehirnaktivität in Reaktion auf vertraute und neue Gegenstände wurde unmittelbar nach der Gewöhnungsphase (sofortige Rekognition) und nach einer einwöchigen Verzögerung (verzögerte Rekognition) gemessen. Die Latenz der Nc-Komponente differenzierte zwischen der Erkennung von alten versus neuen Gegenständen. Bei verzögerter Rekognition wurden Pb-Amplitude und -Latenz durch geteilte Aufmerksamkeit beeinflusst. Außerdem unterschieden sich die Häufigkeiten der kindlichen Blicke zur Versuchsleiterin in der Gewöhnungsphase zwischen den beiden Gruppen und modulierten die Pb-Antwort. Die Ergebnisse zeigen, dass geteilte Aufmerksamkeit die Mechanismen des Langzeitgedächtnisses in viermonatigen Babys beeinflusst. Wir schließen daraus, dass geteilte Aufmerksamkeit Kindern in diesem jungen Alter hilft, die Relevanz gelernter Items zu erkennen.
Kopp, F., & Lindenberger, U. (2011). Social cues at encoding affect memory in four-month-old infants. Social Neuroscience. Advance online publication. doi: 10.1080/17470919.2011.631289
Beyond “happy, angry, or sad?”: Age-of-poser and age-of-rater effects on multi-dimensional emotion perception
Beyond “happy, angry, or sad?”: Age-of-poser and age-of-rater effects on multi-dimensional emotion perception
Young, middle-aged, and older raters (N=154) evaluated 1,026 prototypical facial poses of neutrality, happiness, anger, disgust, fear, and sadness stemming from 171 young, middle-aged, and older posers. The majority of poses were rated as multi-faceted, that is, to comprise several expressions of varying intensities. Consistent with the notion of age-related increases in negativity–avoidance/positivity effects, crossed-random effects analyses showed an age-related decrease in the attributions of negative, but not positive and neutral, target expressions (that the poser intended to show), and an age-related increase in the attributions of positive and neutral, but not negative, non-target expressions (that the posers did not intend to show). Expressions were more difficult to read the older the posers, particularly for male posers. These age-of-poser effects were independent of the valence of the expression, but partly differed across age groups of raters. The study supports the idea of multi-dimensionality and age-dependency of emotion perception.
Riediger, M., Voelkle, M. C., Ebner, N. C., & Lindenberger, U. (2011). Beyond "happy, angry, or sad?": Age-of-poser and age-of-rater effects on multi-dimensional emotion perception. Cognition and Emotion, 25, 968-982. doi:10.1080/02699931.2010.540812
Emotions in History - Lost and Found
Emotions in History - Lost and Found
Leere Ovale: gesichtslos, ohne Gefühlsregung. Kasimir Malewitsch malte diese drei menschlichen Figuren als Konstruktivist avant la lettre und lädt uns ein, auch Gefühle konstruktivistisch zu betrachten. Emotionen, das zeigt dieses Buch, wandeln sich in der Geschichte und sind von ihr bedingt. Auch wenn Männer und Frauen schon immer Gefühle empfanden und zeigten, veränderten sich die Objekte, Ausdrucksformen und Wertigkeit menschlicher Gefühle. Durch politische Prozesse, soziale Umwälzungen und kulturelle Entscheidungen gingen einige Emotionen im Laufe der Geschichte verloren, andere gewannen dafür an Bedeutung. In den europäischen Gesellschaften haben sich die Praktiken von Ehre und Scham in der Moderne grundlegend geändert und immer mehr ihren Einfluss darauf verloren, wie Menschen sich selbst sehen und wie sie sich verhalten. Zur selben Zeit wurden Mitleid und Empathie zu zentralen Bestandteilen des modernen „emotionalen Selbst“. Während dieser Entwicklung haben sie eine Fülle von humanitären Bewegungen ausgelöst und neue Institutionen ins Leben gerufen, doch sie sind auch auf große Hindernisse gestoßen und mussten herbe Rückschläge erleben.
Frevert, U. (2011). Emotions in History - Lost and Found. Budapest: CEU Press. ISBN: 978-615-5053-34-4
Only Time Will Tell: Cross-Sectional Studies Offer no Solution to the Age–Brain–Cognition Triangle: Comment on Salthouse (2011)
Only Time Will Tell: Cross-Sectional Studies Offer no Solution to the Age–Brain–Cognition Triangle: Comment on Salthouse (2011)
Salthouse (2011) verfasste einen kritischen Überblick über quer- und längsschnittliche Beziehungen zwischen dem Erwachsenenalter [adult age A], Hirnstruktur [brain structure B] und Kognition [cognition C] (ABC) und identifizierte Interpretationsprobleme der vorhandenen Literatur. Sein Überblick übersah jedoch einige wesentliche Punkte. Erstens sind Maße der Hirnstruktur und kognitiver Leistung hinreichend unterschiedlich, um die Einheitlichkeit der B- und C-Seiten des ABC-Dreiecks anzuzweifeln. Zweitens sind Altersunterschiede und altersbedingte Veränderungen von Gehirn und Kognition oft nicht linear. Drittens variieren Varianzen und Korrelationen unter Gehirn- und Kognitionsmaßen häufig mit dem Alter. Viertens sind querschnittliche Vergleiche unter konkurrierenden Modellen der ABC-Zusammenhänge nicht in der Lage, konkurrierende Hypothesen über Struktur und Spektrum von gerichteten und wechselwirksamen Beziehungen zwischen Gehirn- und Verhaltensveränderungen eindeutig zu bestimmen.
Auf der Grundlage dieser Beobachtungen ziehen wir folgende Schlussfolgerungen. Erstens sind individuelle Unterschiede zwischen jüngeren Erwachsenen für Erkenntnisse über das Altern von Gehirn und Verhalten nicht nützlich. Zweitens können nur multivariate Längsschnittstudien, altersvergleichende experimentelle Interventionen und eine Kombination dieser beiden Verfahren uns von den Dilemmata des von Salthouse beschriebenen ABC-Dreiecks befreien. Mediationsmodelle querschnittlicher Daten stellen zwar altersbezogene Unterschiede in Zielvariablen dar, können sich aber nicht zeitbedingten Beziehungen annähern; insofern klären sie nicht die Dimensionen und Dynamiken des kognitiven Alterns auf.
Raz, N., & Lindenberger, U. (2011). Only time will tell: Cross-sectional studies offer no solution to the age–brain–cognition triangle: Comment on Salthouse (2011). Psychological Bulletin, 137 (5), 790–795. doi: 10.1037/a0024503
Heuristics: The Foundations of Adaptive Behavior
Heuristics: The Foundations of Adaptive Behavior
Wie treffen Menschen Entscheidungen, wenn die Zeit begrenzt, Informationen nicht zuverlässig und die Zukunft unsicher sind? Ausgehend von der Arbeit des Nobelpreisträgers Herbert Simon und mithilfe zahlreicher internationaler Kolleginnen und Kollegen hat der Forschungsbereich „Adaptives Verhalten und Kognition“ (ABC) ein Forschungsprogramm zu „simple heuristics“ (einfachen Heuristiken) entwickelt.
Mit einem neuen Blick auf die Funktionsweise des Verstands und die Natur der Rationalität hat das „simple-heuristics“-Programm nicht nur eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen angeregt, sondern zum Teil kontroverse Debatten zwischen Psychologen, Philosophen und Ökonomen angestoßen. Auch in den Bereichen Medizin, Recht, Wirtschaft und Sport fanden die Erkenntnisse bereits praktische Anwendung.
„Heuristics: The foundation of adaptive behavior“ vereint wegweisende Beiträge aus Fachzeitschriften unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen in einem einzigen Band. Die Texte stellen zugleich Theorie und Anwendungsmöglichkeiten dar und liefern einen umfassenden Überblick über aktuelle experimentelle Studien, mit deren Hilfe der adaptive Einsatz von Heuristiken nachgewiesen werden kann.
Gigerenzer, G., Hertwig, R., & Pachur, T. (Eds.). (2011). Heuristics: The foundations of adaptive behavior. Oxford: Oxford University Press.
Gefühlswissen
Gefühlswissen
Gefühle sind so alt wie die Menschheit. Das Wissen über Gefühle und deren Bewertung wandelt sich mit den Menschen. Die Autorinnen und Autoren des Bandes untersuchen die Veränderungen im europäischen Gefühlswissen seit dem 18. Jahrhundert. Dabei ging (und geht) es um grundlegende Fragen der conditio humana: Sind Gefühle geistiger oder körperlicher Natur? Lassen sich Gefühle »lesen«? Haben Tiere Gefühle? Sind Männer gefühlsärmer als Frauen? Gibt es kindische und erwachsene Emotionen? Kann man Gefühle »zivilisieren«? Machen sie krank? Können Kollektive fühlen? Trennen oder verbinden Gefühle? Die historisch wechselnden Antworten auf diese Fragen zeigen: Das Wissen über Emotionen war und ist eng verknüpft mit den sozialen, kulturellen und politischen Strukturen moderner Gesellschaften.
Frevert, U., Scheer, M., Schmidt, A., Eitler, P., Hitzer, B., Verheyen, N., Gammerl, B., Bailey, C., & Pernau, M. (2011). Gefühlswissen: Eine lexikalische Spurensuche in der Moderne. Frankfurt am Main: Campus-Verlag. ISBN 978-3-593-39389-6.
Seeking Pleasure and Seeking Pain
Seeking Pleasure and Seeking Pain
Using a mobile-phone-based experience-sampling technology in a sample of 378 individuals ranging from 14 to 86 years of age, we investigated age differences in how people want to influence their feelings in their daily lives. Contra-hedonic motivations of wanting either to maintain or enhance negative affect or to dampen positive affect were most prevalent in adolescence, whereas prohedonic motivations of wanting either to maintain, but not enhance, positive affect or to dampen negative affect were most prevalent in old age. This pattern was mirrored by an age-related increase in self-reported day-to-day emotional well-being. Analyses of the emotional experiences that accompanied prohedonic and contra-hedonic motivations are consistent with the notions that contra-hedonic motivations are more likely to serve utilitarian than hedonic functions, and that people are more likely to be motivated to maintain negative affect when it is accompanied by positive affect. Implications for understanding affective development are discussed.
Riediger, M., Schmiedek, F., Wagner, G. G., & Lindenberger, U. (2009). Seeking pleasure and seeking pain: Differences in prohedonic and contra-hedonic motivation from adolescence to old age. Psychological Science, 20, 1529-1535. doi:10.1111/j.1467-9280.2009.02473.x
