Fragestellung für COACTIV

In theoretischen Arbeiten wird die Bedeutung von Lehrerkompetenz für gelingenden Unterricht vielfach betont (Bromme, 1997; Shulman, 1986; Sternberg & Horvath, 1995). Jedoch liegen hierzu bisher nur wenige empirische Befunde vor. Das Projekt COACTIV ist eine der ersten Studien im deutschsprachigen Raum, in der verschiedene Aspekte der Lehrerkompetenz direkt erfasst wurden, und zwar für das Fach Mathematik.



Die Kernaufgabe des Lehrerberufs ist der tägliche Unterricht. Vor allem hier wird von Lehrkräften Engagement und Flexibilität verlangt. Professionelles Lehrerhandeln zeichnet sich durch ein reichhaltiges Repertoire an Handlungsmöglichkeiten aus.

In COACTIV untersuchen wir, welche persönlichen Merkmale der Lehrkräfte die Voraussetzungen für solches professionelles Handeln sind. Wir unterscheiden dabei Aspekte des Professionswissens, Überzeugungen, motivationale Orientierungen und selbstregulative Fähigkeiten und untersuchen, inwieweit diese Merkmale eine Bedeutung für das unterrichtliche Handeln von Mathematiklehrkräften haben.
 

Wie gelingt erfolgreiche Unterrichtsgestaltung?


Theoretischer Ausgangspunkt für unsere Arbeit ist die Annahme, dass qualitätvoller Mathematikunterricht Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit zu verständnisvollem Lernen, d.h. zur aktiven und selbstständigen Auseinandersetzung mit den Lerngegenständen, bieten sollte (Blum, 2001; de Corte, Greer, & Verschaffel, 1996; Mayer, 2004; Turner et al., 1998).

Für den Mathematikunterricht haben sich vor allem drei grundlegende Merkmale als relevant für eine gehaltvolle Unterrichtsgestaltung herausgestellt (Ditton, 2006; Helmke, 2003; Klieme, Schümer, & Knoll, 2001).

  1. Um die in Lernsituationen zur Verfügung stehende Zeit optimal zu nutzen, ist eine effektive Strukturierung der Unterrichtsstunden notwendig, bei der möglichst wenig Zeitverluste durch Störungen der Interaktion entstehen (Klassenführung).
  2. Instruktionsprozesse lassen sich im Hinblick auf ihr Potenzial zur kognitiven Aktivierung beschreiben, d.h. also inwieweit Lernende zur aktiven Auseinandersetzung mit den Lerninhalten anregt werden.
  3. Instruktionsprozesse können nach dem Grad der konstruktiven Unterstützung differenziert werden, das heißt Lehrende begleiten die Lernenden beim Lernen respektvoll und fördernd.

Unterricht nach diesen Gesichtspunkten zu gestalten, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. In COACTIV gehen wir davon aus, dass persönliche Voraussetzungen der Lehrkräfte – nämlich Aspekte ihrer professionellen Kompetenz – entscheidend dafür sind, wie gut die Bewältigung dieser Aufgabe gelingt.

Aspekte der Lehrerkompetenz


In COACTIV untersuchen wir Wissen, Überzeugungen und motivationale Orientierungen und selbstregulative Fähigkeiten der Lehrkräfte als Voraussetzungen für ihr Unterrichtshandeln (Bromme, 2001; Weinert, 2001). Wir gehen davon aus, dass das Zusammenspiel dieser Kompetenzaspekte entscheidend dafür ist, wie Lehrkräfte ihren Unterricht strukturieren und regulieren und ob sie langfristig in der Lage sind, ihren Beruf erfolgreich auszuüben.

Wissen

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung des Wissens der Lehrkräfte als wichtige Basis für ihr Handeln. Dabei unterscheiden wir drei Arten von Wissen (Shulman, 1986, 1987):

  • Fachwissen: Vertieftes Hintergrundwissen und Verständnis der schulischen Fachinhalte.
  • Fachdidaktisches Wissen: Wissen darüber, wie Fachinhalte Schülern verfügbar gemacht werden können. Dabei unterscheiden wir drei Facetten:
    • Wissen über das Erklären und Repräsentieren von mathematischen Inhalten, d.h. über fachspezifische Instruktionsstrategien,
    • Wissen über das Potenzial des Schulstoffs für die Lernprozesse, z. B. Wissen über das multiple Lösungspotenzial von Mathematikaufgaben,
    • Wissen über fachbezogene Schülerkognitionen, z. B. Wissen über typische Schülerfehler und Schülerschwierigkeiten.
  • Pädagogisches Wissen: Generelles, fachübergreifendes Wissen, welches zur Gestaltung und Optimierung der Lehr-/Lernsituation notwendig ist (Wissen über individuelle Verarbeitungsprozesse, über Unterrichtsmethoden oder Klassenführungsstrategien).

Die theoretische Annahme ist, dass vor allem das fachdidaktische Wissen besonders wichtig für die Herstellung kognitiv aktivierender Unterrichtssituationen und die Unterstützung der Lernprozesse bei den Lernenden ist (Ball, Lubienski, & Mewborn, 2001). Umfangreiches Wissen über mathematische Aufgaben sollte es einer Lehrkraft beispielsweise ermöglichen, auch für Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen angemessene Aufgaben zu wählen und so für jeden Schüler eine herausfordernde, aber nicht überfordernde Lernumgebung zu schaffen.

Wissen über das mathematische Denken von Schülern und Erklärungswissen dürfte notwendig sein, um Lernprozesse anzuleiten und zu unterstützen. In COACTIV greifen wir diese theoretischen Vermutungen auf und untersuchen erstens die Struktur des Lehrerwissens und zweitens die Frage, auf welche Weise sich Wissensunterschiede von Lehrkräften in der Unterrichtsgestaltung und in den Lernerfolgen ihrer Schülerinnen und Schüler niederschlagen.

Überzeugungen

Lehrkräfte bilden im Verlaufe ihrer beruflichen Entwicklung differenzierte Überzeugungen über die Struktur ihres Faches sowie darüber aus, wie Lernprozesse im Fach gelingen. Bisherige Untersuchungen zeigen, dass sich bei diesen Vorstellungen häufig zwei Grundüberzeugungen unterscheiden lassen, nämlich ob Lehrkräfte Lernen als das Resultat von direkter Informationsvermittlung oder als aktive Konstruktion von Wissen ansehen (Pajares, 1992; Peterson, Fennema, Carpenter, & Loef, 1989; Staub & Stern, 2002).

Diesen lerntheoretischen Überzeugungen wird eine entscheidende Bedeutung für das Unterrichtsgeschehen zugesprochen. In COACTIV gehen wir dieser Beobachtung nach und untersuchen unter anderem, ob die Art der Überzeugung über das Fach und das fachliche Lernen zu unterschiedlichen Arten der Unterrichtsgestaltung führt.

Motivation und selbstregulative Fähigkeiten

Um gehaltvoll zu unterrichten, müssen Lehrkräfte nicht nur über eine solide Wissensbasis verfügen, sondern auch dazu motiviert sein, dieses Wissen im Unterricht einzusetzen. Das Interesse und der Enthusiasmus, den eine Lehrkraft für ihren Beruf oder ihr Fach aufbringt, dürfte entscheidend dafür sein, ob und wie sie sich im Unterricht engagiert oder inwieweit sie bereit ist, sich weiterzubilden oder neues Wissen anzuwenden (Long & Hoy, 2006). Gleichzeitig scheint es jedoch eine besondere Herausforderung des Lehrerberufs zu sein, sich realistische Ziele zu setzen und einen ausgewogenen Umgang mit den Ressourcen anzustreben, d. h. das richtige Maß von Engagement und Distanzierung zu finden (Hallsten, 1993; Hobfoll, 1989).

Erste Befunde zur Selbstregulation von Lehrkräften zeigen, dass sich Lehrkräfte in ihrer Distanzierungsfähigkeit gegenüber beruflichen Problemen sowie ihrer Tendenz unterscheiden, bei langfristigen hohen Belastungen zu resignieren. Von besonderem Interesse ist natürlich auch die Frage, inwieweit diese Merkmale in Zusammenhang mit dem unterrichtlichen Handeln der Lehrkräfte stehen.

Zentrale Fragestellungen des Projekts sind:


  1. Welche Aspekte der Lehrerkompetenz lassen sich empirisch identifizieren und welche Beziehungen weisen diese Merkmale untereinander auf?
  2. Welche Kompetenzaspekte beeinflussen das unterrichtliche Handeln einer Lehrkraft?
  3. Welche direkten und indirekten Einflüsse hat die Kompetenz einer Lehrkraft auf die Lernerfolge ihrer Schülerinnen und Schüler?
  4. Warum unterscheiden sich Lehrkräfte in ihrer Kompetenz?